ART, Artspaces

documenta ARTISTS WE LOVE und was wir von ihnen lernen können

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Kunst, Kunst, Kunst – das Jahr 2017 überschlägt sich in Sachen Kunstschauen! Vor ein paar Tagen hat die documenta 14 in Kassel eröffnet, das weltweit wichtigste Kunstereignis. An den ersten zwei Tagen waren wir vor Ort und haben uns einen Überblick verschafft.

32 Schauplätze mit über 100 Künstler.
4 von ihnen habe ich gesprochen.


 

Irena Haiduk

 

Irena Haiduk treffe ich in der Neuen Neuen Galerie, einem der Hauptschausplätze auf der documenta 14. Irena erinnert mich ein wenig an Eliza Douglas, die Lebensgefährtin von Shootingstar Anne Imhof. Wahrscheinlich wegen der Brille, in Kombination mit der Frisur. Aber auch die Farbigkeit ihrer installativen Performance, einem Verkaufsraum, der den Fabriken und experimentellen Klubs des ehemaligen Jugoslawien nachempfunden ist, gleicht den Werken Elizas. Zartes Rosé und Himmelblau. Spricht mich auf jeden Fall an.

Irena zeigt sich insgesamt mit einem sehr komplexen und facettenreichen Werk. Dazu gehört ein Audiostück von 2015 im sogenannten Blind Room, dass das Kernstück ihrer Arbeit bildet. Es geht um Beratung und Kunst.

Dies gab Irena den Impuls ihr Unternehmen Yugoexport zu gründen. Ein Unternehmen mit dem sie sich hier auf der documenta platziert. Verkauft werden neben Kleidern und Mänteln, auch schwarze Borosana-Schuhe, die von Arbeiterinnen in Jugoslawien getragen wurden.

Irena Haiduk erklärt mir, dass der Käufer dieser Schuhe sich vertraglich verpflichtet diese Schuhe nur bei der Arbeit zu tragen und schiebt mir einen dieser Verträge zu.

Ich entscheide mich gegen einen Kauf der Schuhe, probiere einen der Kurzmäntel und verschwinde mit Irena über die Verkaufstheke hinweg in einen Lagerraum, in dem ich mich im Spiegel betrachten kann. Leider wandert auch der Mantel nicht in meinen Besitz über, obwohl mir Irena zusichert, dass er mir wunderbar steht und ich aber auch ein maßgeschneidertes Exemplar bei ihr bestellen kann. Hätten wir mehr Zeit für ein Verkaufsgespräch gehabt, hätte ich es mir wahrscheinlich anders überlegt, doch wir wurden von der „Armee der schönen Frauen“ unterbrochen, die sich für ihren Rundgang über das Documentagelände umziehen wollten.
Ich verlasse ehrfuchtsvoll das Hinterstübchen und begegne später der „Armee der schönen Frauen“ mit einem Buch von Marcel Poust auf dem Kopf auf dem Weg zum Friedrichsplatz.

Guillermo Galindo

Auf meinem Weg vom Friedichsplatz zum Palais Bellvue komme ich in den Genuss des Flanierens. Ein schöner Zeitvertreib, der sich bei dieser documenta eher auf die Nordstadt Kassels verlagert. Flanieren kann man es dort hingegen nicht nennen, denn die Nordstadt ist der Brennpunkt der westfälischen Rüstungsstadt. Aber zurück zum Palais Bellevue, den ich nach dem kurzen und wunderschönen Fußmarsch von Friedrichsplatz aus auf der rechten Seite erreiche. Gleich im Untergeschoss des barocken Gebäudes, welches ursprünglich Landgraf Karl als Observatorium errichten ließ, entdecke ich an der Wand hängende Stoffe mit Aufdrucken.

„Do you like it?“, flüstert mir von hinten jemand ins Ohr.

Ich schaue mich um und blicke in die Augen von Guillermo Galindo, dem Künstler hinter den Stoffarbeiten. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir von den Frauen aus den Flüchtlingsheimen, von denen er die Tischläufer, Stoffe und Decken erhielt, um auf diese seine Oden für Grenzgänger zu drucken. Er versteht sich als Soundarchitekt und Komponist, wovon man sich überzeugen kann, wenn er in der Documenta-Halle Flüchtlingsbote mit seinen Partituren zum Klingen bringt. Wohl eine der nahegehendsten, intesivsten und eindruckvollsten Arbeiten der documenta 14. Wir plaudern noch ein wenig über dies und das, vor allem über Mexico, ein Land welches für lange Zeit meine zweite Heimat war, bis er genauso schnell wieder verschwindet wie er gekommen ist. Ich bin nachhaltig beeindruckt. Von Guillermo und von den blauschimmernden Flüchltlingsbooten, die mit ihren schlimmen Spuren der Flucht von der Decke der Documenta-Halle hängen.

Bili Bidjocka

In der Nordstadt geht es, wie schon gesagt, anders zu, als rund um den Palais Bellevue und der in dirketer Nachbarschaft gelegenen Neuen Galerie. Die Nordstadt ist der Brennpunkt Kassels. 10 documenta Schauplätze hat Chefkurator Adam Szymczyk hier intergriert. Einer davon ist die Gottschalkhalle, ein vom Abriss bedrohtes, verlassenes Gebäude mit großer Kassler Geschichte. Beim Betreten der Gottschalkhalle läuft man direkt auf eine große Installation von Bili Bidjocka zu.
Hinter einem Vorhang aus Fäden verbirgt sich ein Schachspiel – einerseits in Szene gesetzt, andererseits auch abgeschottet vom Betrachter. Rundherum gleicht die Szenerie einer Baracke. Bretter unterschiedlichster Art wurden zusammengehämmert, an den Wänden Tags, Graffiti und Streetart. Hinter dem Bretterverschlag stößt man auf kleine Tische an denen man für eine Partie Schach Platz nehmen kann. Wartend auf einen Spielpartner und irgendwie verträumt sitzt hier heute Bili Bidjocka.

Er bemerkt mich schnell, blickt auf und lädt mich auf eine Partie Schach ein.

Ich muss leider abwinken, da ich meine Schachkarriere auf einer Kubareise vor 15 Jahren aus gutem Grund Adakta gelegt habe. Aber ich interessiere mich für seine Kunst und wir kommen ins Gespräch. Er erklärt mir, was es mit dem gigantischen Schachspiel hinter den Fäden auf sich hat. „Es ist ein Duell.“, sagt er „Zwischen Kassel und Athen.“ Mitspielen kann jeder über seine Website www.thechesssociety.com, auf der jeden Tag ein Zug vorgeschlagen wird. Plötzlich übersteigt mich doch die Lust mit Bili eine Partie Schach zu spielen, was soll schon passieren? Aber ich muss weiter, da ich mich einem der documenta-Spaziergänge angeschlossen habe und die Choristin (so nennt sich unsere „Gruppenanführerin“) bereits die Gottschalkhalle wieder verlassen hat.

 

 

 

Anton Kats

Von der Gottschalkhalle aus spaziere ich, nachdenkend über die Philosophie des Schachspiels, die Straßen entlang der Nordstadt. Gedanken strukturien und vernetzen, Einzelinformationen bewerten und dann taktische Fortschritte klug in neuen und unerwarteten Situationen vornehmen. Schach, also der gerade von mir zurechtgelegte, philosophische Grundgedanke davon, regt mein Oberstübchen an, ich erkennen einen meditativen Charakter, der mir vielleicht in der Fokussierung auf Wesentliches und der Abschottung von Ablenkungen helfen könnte.

Wie auch immer. Jetzt musste ich mich erstmal auf meine Choristin fokussieren, um mich nicht noch auf dem, zugegeben schlecht beschilderten, Dokumenta-Rundgang zu verirren. Schließlich treffen wir am Narrowcast House ein.

Am Eingang begrüßt uns Anton Kats, unsere Choristin sogar mit einer innigen Umarmung, man scheint sich zu kennen und zu mögen.

Das Narrowcast House ist ein offenes Radiostudio und ein Hör-Raum zugleich, welches Anton Kats initiiert hat. Hier lädt er ein zu Performances, Workshops, Filmvorführungen und Hörsessions vor allem für Schüler. Ihm helfen dabei Kulturinitiativen, Nachbarn und Documenta Besucher. Hier ist man wieder auf dem Boden der Tatsachen. Menschen unterschiedlichster Herkunft unterhalten sich, laufen umher, bereiten Essen zu. Anton ist hier der Vermittler. Der Vermittler von Kunst. Geboren in der Ukranie war er selber eine zeitlang Flüchtling in Deutschland. Anton hört Menschen zu, knüpft Kontakte und verbindet Migranten und die Nachbarschaft. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht soziale Strukturen zu erforschen und gemeinsam nützliche Methoden zu entwickeln, die es ermöglichen selbständig zu handeln. Damit ist er sehr erfolgreich. Er promoviert in London und hat sich schon in großen Häusern wie der Tate, dem Victoria und Albert Museum und in den Serpentine Galleries gezeigt.

Von Anton Kats kann viel man lernen. Über die Kunst, das Zusammenleben und wie wichtig es ist, einander zuzuhören.

 

Gernerell kann man aber viel von der documenta 14 lernen. Und von Athen. Was? Das muss jeder für sich entdecken und wenn es nur das ist, dass sich hinter jeder Krise eine neue Chance verbirgt.

 


 

Documenta 14

www.documenta14.de

 

Auf unserem extra für die Documenta 14 eingerichteten Instagram Accout @thewhynot_visiting_documenta14 habt ihr die Möglichkeit noch viel mehr zu entdecken. Über die 100 Tage Laufzeit stellen wir euch unsere Lieblingsorte, unsere Lieblingswerke und ganz viel Wissenswertes der Documenta 14 vor.

 


Fotos: © Carolin Samson