ART

Artist we love: Ina Carla Cierniak

Wir freuen uns euch eine besonders tolle und talentierte Künstlerin aus Hamburg vorzustellen, Ina Cierniak. Vom Graffiti-sprayen erweiterte sie ihre künstlerischen Ambitionen zum Make-up Artist, um sich jetzt endlich im eigenen Atelier nur um die eigene Kunst zu kümmern. Sie hat inzwischen eine richtige Instagram Fan-Base, die Inas Bilder für die Zusammenstellung und das Mischen der Farben, die Materialien und die organischen Formen schätzen. Außerdem werden die Follower*innen via Stories mit in ihr Atelier und in ihre Arbeitsprozesse mitgenommen, nicht selten wird auf diesem Wege schon das nächste Werk direkt angefragt und verkauft.

In unserem Interview erfahrt ihr mehr über sie und ihre Arbeiten.

Hey Ina, du hast ja dein ganzes Leben Kreativität gelebt, erzähl doch mal kurz deinen Weg bis zu deiner heutigen Kunst.

Ich bin in der Natur aufgewachsen. Umgeben von Wiesen, Bächen, Bergen und Wäldern. Meine Mutter prägte mich durch ihre Kunst. Sie malte große Bilder von Tänzerinnen in rot und blau. In der Schule schminkte ich das Schultheater und war im Kunst Leistungskurs. Meine Kunstlehrerin war so inspirierend und außergewöhnlich. Ich denke, sie hat mir einen grossen Anstoss gegeben. Sie nahm uns mit nach Paris, zeigte uns dort Museen und Monets Garten, den ich bis heute nicht vergessen kann. Als Teenie wurde ich durch meinen Cousin auf Streetart aufmerksam und es begann eine 10 jährige Graffiti „Karriere“ in Heidelberg, New York und Australien. In meinem Modedesign Studium interessierten mich am meisten die Fächer, in denen es um Kunst und Malerei ging. Beruflich entschied ich mich dann für einen meiner Träume, dem Make up Artist. Dadurch durfte ich die ganze Welt bereisen und sammelte Inspirationen von den schönsten Ländern und Kulturen.

Seitdem ich selber Mutter geworden bin, vor 6 Jahren, flackerte eine kleine Flamme in meinem Herzen und sie wurde unaufhaltsam größer. In positiver und intensiver Weise, veränderte sich meine Sicht auf das Leben. Ich war auf der Suche nach mir und meiner Erfüllung.

Dieses Jahr fiel meine Entscheidung, nach 15 erfolgreichen Jahren in der Modebranche, meinem Herzen und größten Traum zu folgen: meiner eigenen Kunst.

Du hast dich dieses Jahr entschieden, ausschließlich Künstlerin zu sein, was brauchte es für diesen Schritt?

Dieser Schritt war ein langer Prozess, der sich wie ein Fluss schlängelte. Mal ging es in die eine Kurve nach links, dann in die andere nach rechts. Es ging immer ein Stückchen weiter, aber der Weg zur Mündung ins Meer fand erst dieses Jahr statt.  Ich denke, durch den Moment des Lockdowns (Corona) in diesem Frühjahr, wurden bei mir sämtliche Stecker gezogen. Es kam quasi zum Stillstand. Und, wenn ich genauer darüber nachdenke, war dies oft schmerzlich, aber dennoch nötig, um nun Hier und Jetzt zu sein und das Neue begrüßen zu können. Vor einem Jahr wurde mir durch mehrere Geschehnisse klar, dass es tatsächlich möglich ist, mit meiner Kunst auch Geld zu verdienen. Es war der Anruf einer Bekannten, die über Instagram meine Brushletterings sah. Sie arbeitet bei einer internationalen Film- und Fernsehgesellschaft und bat mich darum, für einen neuen Kinofilm den Schriftzug für die Plakate zu entwerfen. Ich bekam den Auftrag und freute mich riesig darüber.

Es folgte ein zweites Event, der Weihnachtsmarkt letztes Jahr im Kliemannsland, an dem ich über zwei Tage hin merkte, dass die Leute sich meiner Kunst zuwandten und Bilder kauften. Kurz darauf, Anfang diesen Jahres, fragte mich eine Freundin, ob ich Lust auf ein Projekt in Berlin habe und dafür drei großformatige Leinwände malen möchte mit meiner abstrakten Kunst zum Thema starke Frauen. Ich sagte Ja und entdeckte, wie erfüllt und glücklich es mich macht, meiner Kunst auf Leinwand und vor allem auf großen Formaten Ausdruck zu verleihen. Ab da war endlich klar: damit höre ich nicht mehr auf!

Als dann im Frühjahr der Lockdown kam und ich gezwungen war, meine Tätigkeit als Make up Artist auszusetzten, war es der finale Moment, den letzten großen Stöpsel zu ziehen, bei meiner sehr geschätzen Agentur zu kündigen, zu mir zu kommen, und dann den Schritt zu wagen, und mich voll und ganz meiner Kunst hinzugeben. 

COVID-19 bremst momentan alles aus, ist es für dich und deinen Prozess ein Vorteil oder eher ein Nachteil?

Für mich war es erst ein Stillstand, auch existentiell, und daraus entstand der entscheidende Moment, den Sprung tatsächlich zu wagen und meinem Herzen zu folgen. Erst durch diesen stillen Moment wurde mir klar, was ich für mich brauche und wie mein weiterer Lebensweg aussehen könnte. 

Ohne Covid-19 hätte dieser Schritt noch nicht so schnell stattgefunden. Nachdem ich also im Frühjahr die Vollbremsung hingelegt habe, wechsel ich nun in den ersten Gang und fahre behutsam die ganz neuen Wege und Kurven entlang.

 Viele Menschen fühlen sich emotional von meiner Kunst angenommen und ich bekomme sehr viel positives und emotional sehr ergreifendes Feedback. Es ist spannend zu sehen, welches Bild zu welchem Menschen findet. 

Wie läuft für dich ein perfekter Tag im Atelier ab? Ein Tag mit einem richtig guten Flow.

Wenn die Sonne aufgeht und ich als erstes einen Spaziergang machen kann. Die frische Luft im Wald atme und einfach nur die Ruhe geniesse. Ich komme in mein Atelier, öffne das Fenster und lausche den Vögeln und dem Wind in den Bäumen. Ohne viel nachzudenken, fange ich an, meine Farben zu mischen und male eine neue Leinwand. Ich verliere die Zeit und mich komplett im Bild. Ich bin voll im Flow, wenn ich gar nicht mitbekomme, dass der Tag bereits zu Ende geht und ich langsam kein Tageslicht mehr habe um die Farben zu sehen. 

Du beschreibst dich selbst als intuitive Künstlerin, wie bekommst du deinen Kopf im Alltagsstress mit Family und co. frei, damit intuitive Arbeit funktioniert?

Hört sich an wie ein Traum, was ich da oben mit dem Flow beschreibe. Naja, so sieht ein perfekter Tag aus. Aber was ist perfekt?

Die Realität sieht doch oft genug anders aus. Ich bin froh, wenn ich drei Stunden am Stück zum Malen komme. Man darf nicht vergessen, dass die reine Kunst und das aktive Malen am Bild ungefähr 20-30% meiner neuen Tätigkeit ausmacht. Ansonsten habe auch ich am Schreibtisch zu sitzen und mich um einiges an Bürokram zu kümmern. 

Oder es ist family time angesagt. Um Muse und Inspiration auch im Alltäglichen zu finden, gehen wir gemeinsam raus. Ich versuche, mich zwar vom Multitasking loszulösen, aber in diesem Fall verbinde ich gerne mehrere Dinge. Familie, spielen, spazieren, Natur bewundern, Kopf freibekommen, Farben und Formen sehen und verinnerlichen. Natur und Kind inspirieren mich. Wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit und Freiheit ein Kind die Dinge angeht, sehe ich darin sehr viel Wichtiges. Auch für meine Arbeit. Es erinnert mich daran, wie schön es ist, sich den kindlichen Geist zu bewahren. Wenn man mit dem Zauber der Natur im Kontakt bleibt und sich damit verbindet, findet man automatisch Muse und Inspiration. 

Was inspiriert dich? Gibt es auch Tage, an denen du merkst, es „läuft“ nicht und du verlässt dein Atelier unverrichteter Dinge?

Von diesen Tagen gibt es durchaus welche. Natürlich habe ich auch Ängste und Überforderung. Diese führen bei mir immer zu Blockaden und Unzufriedenheit.  Jeden Tag versuche ich, an mir bzw. für mich zu arbeiten, um die Angst in Liebe umzukehren. Es braucht nichts mehr als Liebe und Mitgefühl, um weiterzukommen. Das für mich Schwierigste ist, mich in Stresssituationen daran zu erinnern, was hier und jetzt in diesem Moment wirklich wichtig ist. Manchmal ist es genau dieser eine Moment des Innehaltens. 

Das Ding ist ja, dass auch viel Inspiration passiert, während ich etwas male oder neue Farben mische. Es ist also am Besten für mich, immer etwas zu tun, auch wenn es nur kurz sein mag. Wenn man zu lange auf den einen Geistesblitz oder den einen richtigen Moment wartet, dann verpasst man die Zeit des Schaffens.

Wenn es um die Kunst geht, muss ich mir allen Druck rausnehmen. Denn es gilt, die kleinen Zeitfenster, die mir zur Verfügung stehen, gut zu nutzen. Ich fange an, mir immer mehr darin zu vertrauen, wann der richtige Moment für Etwas ist. 

Liebe Ina, vielen Dank für dieses Interview! Wir wünschen dir weiterhin einen guten Flow und uns, dass du deine Kreativität auch künftig mit uns teilst.

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Fotos: ©Alina Schessler