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Gregor Schneider – Überwältigende Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn


Wenn jemand in der Kunstwelt für Entschlossenheit, Zielstrebigkeit und Fokussierung steht, dann wohl

Gregor Schneider.

 


 

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Seit er mit etwa fünfzehn Jahren von seinem Vater vor die Wahl gestellt wurde in das Familienunternehmen einzusteigen, oder nicht, war für ihn klar, einen eigenen Weg zu gehen, den Weg eines Künstlers. Über seine ersten Zeichnungen mit Pastellkreiden fand er bei seinem Gymnasiallehrer Bestätigung und Anerkennung.

„Ich habe mich so sehr mit der Rolle des Künstlers identifiziert, dass ich meine berufliche Perspektive darin gesehen habe, das auch richtig zu machen, mit aller Konsequenz. …“  Gregor Schneider

Heute ist er ein gefeierter Künstler, der große Aufmerksamkeit genießt. 2001 erhielt er den Goldenen Löwen für den Einbau von 24 Räumen des Hauses u r in dem Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. 2011 pilgerten 4 Millionen Gläubige in Indien durch ein 30 Meter in die höhe ragendes Straßenstück in den um 90° gekippten Keller des Hauses u r, in dem sich für die Zeit der wichtigsten Prozession des Jahres der Tempelbau samt Göttin befand. Für mich mit das imposanteste was ich in der Kunstwelt je gesehen habe.

Jetzt zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn in der Ausstellung Wand vor Wand einen weitgehend chronologisch angelegten Parcours durch die entscheidenden Stationen seines dreißigjährigen Schaffens.

Aber wie erklärt man jemanden, der wenig mit Kunst am Hut hat, was man gerade in der Ausstellung von Gregor Schneider erlebt hat. Grenzerfahrung, ein Spiel mit den Urängsten, Erfahrung von Urvertrauen, Entdeckung von Räumen mit Seelen, Tod und Lebendigkeit, Orientierungslosigkeit, Verlust vom Hier und Jetzt. Ja und was hat das jetzt alles mit Kunst zu tun? Wo fängt man also an, wenn man das Werk von Gregor Schneider beschreiben will?

Im  Haus u r. Denn das ist der Körper mit dem Schneider arbeitet, mit dem er kommuniziert.

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Die Eltern Gregor Schneiders haben ihn, in der Entscheidung Künstler zu werden, von Anfang an unterstützt. Sie haben an ihn geglaubt. Dem zufolge haben sie ihm im Alter von 16 Jahren eine Wohnung in einem Haus in der Nähe des Familienunternehmens in Mönchengladbach-Rheydt übergeben. Mehr oder minder auch aus pragmatischen Gründen, denn das Haus war sehr heruntergekommen, neue Mieter zu finden war aussichtlos. Es musste sich aber jemand drum kümmern, und warum Geld für einen Hausmeister ausgeben, wenn der Sohn doch ein Atelier sucht.

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Der Schlüsselmoment für Schneider. Jedoch würden nach Vorstellung des Vater niemals Staffelei und Pinsel hier zum Einsatz kommen. Obwohl Schneider bis dato malte und zeichnete, war es plötzlich etwas anderes was ihn interessierte. Noch im ersten Jahr im Haus u r mauerte er eine Wand vor eine Wand und konzipierte Experimente, mit denen er „die Verlässlichkeit des geläufigen Wissens infrage stellt“. Das Haus u r wurde für ihn zu einem Spielplatz der Kunst, vielmehr noch ein Kommunikationskanal, aus dem Antrieb seiner eigenen Aversion gegen die Sprache und das geschriebene Wort heraus.

Er griff grob in die Raumstrukturen ein, zementierte Tische und Stühle ein und entwickelte Konstruktionen, die für Besucher gefährlich gewesen wären. Doch außer seinem Kunstlehrer und seinem Vater, der sich beim Betreten der Raumkonstruktionen verletzte, hat wohlmöglich niemand seine Werke gesehen.

„Dinge anders sehen als sie sind“ – darum geht es bis heute im Werk von Gregor Schneider – um kulturelle Überkreuzungen, um Isolation, verschwunden Wirklichkeiten und die dunkle Kehrseite des Wohnens.

Die Bundeskunsthalle in Bonn hat es mit der Ausstellung Wand vor Wand geschafft, einen schlüssigen Überblick über die Arbeit des Künstlers zu konzipieren. Er führt durch etwa zwanzig einzelne Räume, von denen die meisten aus Haus u r ausgebaut oder von Schneider anlässlich verschiedener Ausstellungen konstruiert worden sind.

Der museale Raum verschwindet, der Museumsbesucher begibt sich auf eine Reise ins Ungewissen, mit Erfahrungen, die sich an alle Sinne wenden, in einer unfassbaren neuen Welt.

Ein Weg zu sich selbst, zu seinen Ängsten, seinen Erinnerungen, zu Fragen nach Identität, einer mutigen Hinwendung zum Unbekannten und zu den empfindlichsten Schmerzpunkten der Gesellschaft. Zu der Hausschlampe Hannelore Reuen, nach Guantánamo, in den persönlichen Sterberaum des Künstlers und in die Räume des Geburtshauses Goebbels, bevor es eigenhändig von Schneider pulverisiert wurde.

Am Ende des Weges gelangt der Besucher in einen verrottenden, mit Schlamm gefüllten und der Witterung ausgesetzten Raum, Schneiders idealen Museumsraum – eigens für die Ausstellung in der Bundeskunsthalle konzipiert.

Eine nicht ungefährliche Ausstellung in der Gregor Schneider es schafft, schon längst aufgegeben Räumen eine Seele zu geben.

 

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GREGOR SCHNEIDER
Wand vor Wand
2. Dezember 2016 bis 19. Februar 2017

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn

www.bundeskunsthalle.de

 


Fotos: © Carolin Samson