ART, Artists we love

Artists we love: Janina Brügel

 


Bitte platz nehmen!


 

Janina Brügel hat sich entschieden Künstlerin zu werden. Eine sehr gute Entscheidung, wie wir finden, denn Janina malt Menschen die uns bewegen. Anatomie, Farbigkeit, Ausdruck. Alles auf den Punkt gebracht. Janina lässt uns eintauchen in fremde Welten mit viel Platz für eigene Gedanken und Assoziationen. Und wenn wir wieder auftauchen, stellt sich nur noch eine Frage: Wer ist die Künstlerin? Und wie tickt sie? Wir durften ihr ein paar Fragen stellen und haben ganz tolle, persönliche Antworten bekommen.

 

 

Warum bist Du Künstlerin?
Die Malerei ist meine Form, mich auszudrücken, zu zeigen, was mich bewegt und mich gesellschaftspolitisch einzubringen (siehe mein aktuelles Projekt). Kunst ist ein großartiges Medium, um mit anderen, fremden Menschen, in meinem Fall dem Betrachter der Arbeiten, in Kontakt zu treten, in ihnen eine Reaktion auszulösen und für einen Moment ihre gewohnten Gedankenbahnen zu verlassen, um sich mit etwas Anderem, Neuem auseinanderzusetzen. Ist ein Kunstwerk wirklich gut, dann bewegt es den Betrachter emotional und rational, löst also Gefühle aus und regt zum Nachdenken an.

Du hast Medizin studiert und dann einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Würde es für dich wieder einen Weg zurückgeben?
Zurzeit bin ich glücklich, mit dem, was ich tue und es erfüllt mich. Solange ich das Bedürfnis habe, mich durch die Malerei mitzuteilen und das Gefühl habe, dabei auch „etwas zu sagen zu haben“, mache ich als Künstlerin weiter. Sollte aber der Zeitpunkt kommen, an dem meine Arbeiten nichtssagend und redundant werden, dann höre ich auf und arbeite wieder als Ärztin.

Wann war der Punkt, an dem du dich entschieden hast, Künstlerin zu werden?
Mit der Leidenschaft für den Menschen und für das Malen bin ich auf jeden Fall schon auf die Welt gekommen. Der Gedanke, hauptberuflich als Künstlerin zu arbeiten, schwebte also schon immer in meinem Kopf herum. Da ich aber eher vernünftig und gründlich bin und mich ja auch in der Malerei vorwiegend der Mensch interessiert, entschied ich mich nach dem Abitur dazu, Medizin zu studieren. Ich lernte alles über den Menschen, seine Anatomie und Physiognomie, seine Funktionsweise und einiges über seine Psyche. In der Theorie und in der Praxis. Nach dem Examen nahm ich mir zunächst die Freiheit, für ein Jahr als Malerin zu arbeiten, bevor ich als Assistenzärztin im Krankenhaus anfing. Die Jahre im Krankenhaus, in denen ich mit realen, in ihrer Aufregung und Angst hüllen- und schutzlosen Menschen und ihren realen Problemen konfrontiert war und versuchte, für sie dazu sein und für sie Verantwortung übernahm, waren eine immens wichtige Zeit für mich. Diese Erfahrungen ließen mich als Mensch und somit auch als Künstlerin enorm reifen – für mich eine Voraussetzung dafür, um als Künstler eine gewisse „Tiefe“ und damit eine Berechtigung zu haben.

Hast Du manchmal eine innere kritische Stimme, die dich wieder zurück in den Arztberuf holen möchte?
Selten. Vor kurzem machte mein jüngster Bruder sein Examen als Mediziner. Während ich mit ihm ein bisschen für die mündliche Prüfung in meinem Fachgebiet, Innere Medizin, übte, merkte ich, wie interessant, schön und wichtig der Arztberuf doch eigentlich ist. Und so sinnvoll und so nah am Menschen wie es nur geht. In dieser Zeit überkam mich ein Hauch von Wehmut, der allerdings schnell wieder verflog.

Wie gehst Du damit um?
Indem ich mir sage, dass alles seine Zeit hat im Leben und mir nichts davon läuft. Jetzt ist die Kunst dran, intensiv und ausschließlich, aber wer weiß, was in einigen Jahren ist. Ich versuche immer noch, mich von meinem Irrglauben zu befreien, dass ich alles, was ich jemals tun und erreichen wollte, schon mit 35 erledigt haben muss. 

Welchen Rat kannst Du Menschen geben, die beschließen, ihrem eigentlichen Weg eine neue Abzweigung zu geben und sich ganz der Kunst zu widmen?
Zu wissen, worauf man sich einlässt. Mich überraschte anfangs das ungeheure Ausmaß des Anteils der künstlerischen Arbeit, der mit Kreativität nichts und mit Spaß wenig zu tun hat: Texte verfassen – Bewerbungen oder Begleittexte zu den Arbeiten -, Anfragen beantworten, Homepage, Instagram, etc. aktuell halten, sich bei Galerien, Kunstvereinen vorstellen, die eigenen Arbeiten und sich selbst selbstbewusst verkaufen, Netzwerke aufbauen und pflegen, Auftragsarbeiten annehmen.
Auf jeden Fall muss man an sich und seine Arbeit glauben! Gleichzeitig aber auch die eigene Empfindlichkeit bei Seite legen und die ehrliche Kritik einiger ausgewählter Menschen annehmen können. Und man braucht eine große Frustrationstoleranz, um mit negativer und nicht unbedingt sachlich vorgetragener Kritik und Absagen umgehen zu können.

Deine Personen auf deinen Werken sind zum Teil Menschen, die du auf alten Fotos deiner Großmutter entdeckst, andere wiederum entstehen aufgrund von Gedichten. Oder aber du beobachtest Menschen auf der Straße, die dich zu neuen Arbeiten inspirieren. Warum faszinieren dich Menschen so sehr?
Gibt´s auf der Welt was Spannenderes?!

Entwickelt sich manchmal eine Arbeit von dir in eine andere Richtung, als du ursprünglich geplant hattest?
Andauernd! Wenn ich darüber nachdenke, funktioniert kein Bild genau so, wie ich es mir vorher überlegt habe. Aber ohne dieses andauernde Ändern, Überarbeiten, neu Überdenken, genau Prüfen und das bisher Geschaffene verwerfen, der schwierigste Teil, wenn schon viel Arbeit drinsteckt, würde man sich als Künstler wahrscheinlich nicht weiterentwickeln, sondern immer das gleiche Zeug reproduzieren. Und vor allem: nie überraschen.

Welcher Künstler inspiriert Dich?
Ui, so viele! Von absoluten Weltstars wie Alice Neel oder Lucien Freud über noch wenig bekannte Menschen bis hin zu Künstlern anderer Disziplinen, wie Fotografen, Filmemacher, Designer, Architekten … es gibt einfach krass viele krass kreative Menschen!

Woran arbeitest du gerade?
Nachdem ich mich für meine Reihe „Menschen bei Nacht“ mit Rainer Maria Rilkes pessimistischem, doch sehr treffenden Menschenbild auseinandergesetzt habe und anschließend textlich und malerisch tief in geschichtlich-faktisch fundierte Charakterstudien rund um den „Kaspar-Hauser-Mythos“ eingestiegen bin, erschien es mir logisch und konsequent, in meinem aktuellen Projekt eine Brücke zur Jetzt-Zeit und zu mir selbst zu schlagen: Inhaltliche Aussagekraft mit Bezug zur heutigen Zeit, Lyrik in Verbindung mit totaler persönlicher Offenheit. Das Ergebnis ist die malerische Interpretation eines meiner eigenen lyrischen Texte „Zehn Dinge“. Dieser thematisiert gesellschaftliche Zeitphänomene, globalpolitische Herausforderungen, Umweltaspekte, soziale Problemfelder und die allgemeine Überforderung, mit welcher speziell meine Generation konfrontiert ist und erfasst dabei auch meinen Umgang mit diesen Themen, der sehr kritikwürdig ist. Gerade arbeite ich daran, diesen Text in (m)eine Bildsprache zu transformieren. Zehn Bilder sollen es werden.

 

Viel Erfolg und danke an die wunderbare Janina für das ausführliche Interview!


 

Janina Brügel

www.janinabruegel.de
Instagram: @janinachristinebrügel

 

Nächste Ausstellungen:
ARTMUC Kunstmesse München // 19. – 22. Oktober 2017
Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten // 09. Oktober – 09. November 2017 // Charkiw, Ukraine

 

 

 


Janina Brügel reiht sich ein in unsere Rubrik Artists we love. Dort findet ihr noch viele weitere spannende Künstlerinnen und Künstler.


Fotos: © Janina Brügel