ART, Artists we love

Artists we love: Charlotte van Lie

Unser ARTIST WE LOVE diese Woche ist Charlotte van Lie. Ich verfolge seit einiger Zeit ihre Collagen und später auch ihre Illustrationen. Neulich bin ich auf eine besondere Serie gestoßen: die Neophyten. In diesem Bildwelten ist einiges los. Gruselig, ekelig, düster. Weil diese Serie so besonders ist, wollte ich mehr wissen und habe Charlotte ein paar Fragen gestellt.

 

 

 

Gefunden habe ich dich über deine Collagen, die ich bei Instagram entdeckt habe. Dann bin ich auf deine Neophyten Serie gestoßen. Wow, da ist einiges los. Erzähl uns etwas darüber.
Die Serie entstand in einer Zeit, in der ich für mich definieren musste wie aufrichtig, frei aber zum Teil auch unbequem diese Bilder werden sollten. Als Künstlerin befindet man sich ja von Zeit zu Zeit in dem Dilemma, dass das was man zeigen will, nicht immer das ist, was sich dem Betrachter sofort erschließt. Also wägt man ab, zweifelt, verwirft und fängt wieder von vorne an. In dieser Zeit gab mir mein enger Freund und Künstlerkollege Okan Zafrak den Rat zu zeichnen, was ich fühleehrlich und kompromisslos. Dies war der emotionale Grundstein der Neophyten. Meine ganz eigene Dystopie, die sich mit einer Gesellschaft auseinandersetzt, in der es ausschließlich um die Optimierung des eigenen Geistes und Körpers geht. Wie verändert sich der Umgang miteinander, wenn Technologien die die eigene Leistung maximieren nur einer bestimmten Anzahl von Menschen zur Verfügung steht? Was bedeutet Menschlichkeit, wenn uns das Recht auf Irrung und Wirrung abgesprochen wird? Diese Gedanken flossen während der Arbeiten an diesem Teil der Neophyten mit ein. Die Fabel als erzählende Metapher für den Menschen gab mir zudem die nötige Distanz und lässt mehr Freiraum zur eigenen Interpretation.

Wie groß sind die Arbeiten?
Das Motiv gibt mir die Größe vor. So sind die detailreichen Zeichnungen auf A1 und einem davon abgeleitetem Quadrat von 70 cm x 70cm entstanden. Die Porträts wiederum sind im Vergleich intimer und auf A5 gezeichnet.

Und wo findest du die Inspiration?
Es gibt hier bei uns in Halle den Roten Horizont ein ganz wunderbares Café, auf dessen uralter Ledercouch schon so mancher Gedanke seinen Weg ins Notizbuch fand. Hier habe ich zum ersten Mal wirklich nachvollziehen können, warum Schriftsteller so viel Inspiration darin finden, die Menschen um sie herum einfach nur zu beobachten. Literatur, (Mode) Magazine und die Kunst sind für mich im Allgemeinen sehr wichtige Inspirationsquellen. Letztlich ist es aber vor allem die Art und Weise, wie der Mensch mit sich und seiner (sozialen) Umwelt umgehtsein Spiel von Aktion und Reaktion. Das ist mein größter Antrieb meine stärkste Inspiration.

Haare scheinen ein Thema zu sein. Auch in deinen Fashion Illustrationen fallen sofort die unterschiedlichen Frisuren ins Auge. Was hat es damit auf sich?
Ich finde es unglaublich spannend wie viel Bedeutung und Liebe oder auch die Abwesenheit von beidem, wir einem eigentlich toten Gewebe schenken. Wann immer es um Emotionen geht, sind unsere Haare involviert. Wir raufen sie uns, ziehen Dinge an ihnen herbei oder sie stehen uns einfach nur zu Berge. Besonders für uns Frauen haben die eigenen Kopfhaare eine sehr emotionale Seite. Unbewusst drücken wir, genau wie durch die Kleidung, die wir tragen, unsere Empfindung aus. Das fasziniert mich so an ihnen.

Du bist Dozentin für Modeillustration. Was empfiehlst du Illustratorinnen, wenn sie sich auf dem Markt etablieren wollen? Wie geht man vor, um Aufträge zu bekommen?
Das ist eine gute Frage, auf die ich leider keine Antwort geben kann, die einen sicheren Erfolg verspricht. Aber ich denke, das Wichtigste ist der innere Motor. Wer den Sprung in die Selbstständigkeit wagt, muss wissen, wie er funktioniert und wie er ihn zuverlässig am Laufen hält. Denn das eigene Portfolio sollte auch dann neue Arbeiten bekommen, selbst wenn die Aufträge einmal rar gesät sind. Dann heißt es nach renommierten Magazinen zu recherchieren, die auf der Suche nach Einreichungen sind. Auch eine Postkarte mit einer eigenen Illustration und persönlichem Text kann das Eis zwischen Agentur und Illustrator brechen. Gerade am Anfang kann es zudem sehr hilfreich sein, noch einen kleinen festen Job nebenher zu haben um laufende Kosten zu decken. Finanzielle Sorgen sind nämlich eine der größten Hemmer der Kreativität. Wichtig ist auch ein Stück weit die eigene Persönlichkeit zu kennen. Wer Abwechslung mag, sich sehr gut selbst organisieren kann und einen reduzierten Lifestyle nicht als störend empfindet, für den kann die Arbeit als freier Illustrator wunderbar sein. Wer hingegen Sicherheit und vorgegebene Strukturen braucht, dem würde ich davon abraten, da der Weg steinig, hart, manchmal sehr einsam und undankbar sein kann. Aber einmal angekommen gibt es sicher eine fantastische Aussicht!

Wir fragen die Künstler häufig nach dem (von uns so benannten) Artist Flow. Kennst du das Gefühl ganz und gar in der Arbeit zu stecken und die Zeit beim Zeichnen zu verlieren? Was macht es mit dir und wie fühlst du dich dann?
Das mit dem Flow ist für mich immer ein wenig so, als würde ich versuchen einen Fisch mit bloßen Händen zu fangenKonzentration ist alles. Gerade wenn ich einige Tage mit organisatorischen Dingen beschäftigt war oder mir Tausende Gedanken im Kopf umherschwirren, braucht es Geduld und Zeit, bis sich der Flow einstellt. Wenn es dann aber gelingt, trennt sich die Zeit von dem (geistigen) Raum, in dem ich mich dann befinde. Dort zählt nur noch die Emotion und das Bild, welches sich langsam den Weg aus meinem Kopf raus und auf das Papier bahnt. Wenn ich z.B. an meinen Collagen arbeite, lasse ich mich von einem Gefühl oder Satz leiten und so kann es passieren, dass das fertige Bild nicht mehr der in meinem Kopf ursprünglichen Komposition entspricht. Überhaupt denke ich, dass ein guter Flow dann einsetzt, wenn man offen für Veränderung ist und quasi ins Gespräch kommt mit dem, was da vor den eigenen Augen entsteht.

Wo kann man deine Arbeiten entdecken?
Am besten kommt man ins schöne Hallefornia (Halle/Saale) und besucht uns in unserem Studio Vollgut in der Schmeerstraße 4. Ganz frisch entstanden arbeite nicht nur ich dort, sondern auch ein Freund aus der Film/Medien Landschaft. Wer es ehr digital mag, findet meine Arbeit bei Instagram und auf meiner Homepage. Ein Shop ist in Planung, aber als Technikmuffel könnte das noch etwas dauern. Persönlicher Kontakt via Telefon ist eh besser, und da das so 90er ist, ist es auch noch hip.

 

 


 

Charlotte van Lie

www.charlottevanlie.com
Instagram: @charlotte_van_lie

 

 


Fotos: ©Charlotte van Lie / Teaserfoto ist ein Ausschnitt