ART, Artists we love

ARTIST WE LOVE: Tobia König

 


 

 „Jetzt kann ich auch einfach mal Quatsch produzieren. Meistens ist es dann kein Quatsch, aber es darf erst mal irrelevant sein.“


 

Wie man sich über das Quatsch machen befreien kann und was das für die Arbeit einer Künstlerin bedeutet, lest ihr heute in einem ganz besonderen Interview.

Die Kunsthistorikerin Katharina Rohmeder hat für THEWHYNOT mit der jungen, leipziger Künstlerin Tobia König über ihr künstlerisches Werk gesprochen. Dabei hat sie vieles über die Rolle von Tieren und Männlichkeiten in Tobias Malereien erfahren und was diese mit den feministischen Bewegungen im Kunstbetrieb zu tun haben.

Ein tiefes und sehr schönes Interview.

 

 

 

Du hast ja zuerst Politikwissenschaften studiert. Wie bist du zur Bildenden Kunst gekommen? Wie bist du dahin gekommen, wo du heute bist?
Diese Frage wird mir oft gestellt. Ich habe mich eigentlich immer schon für beides interessiert. Aber ich war der Meinung, dass meine künstlerische Praxis für ein Kunststudium nicht ausreicht, sie war viel zu unfertig, kindlich, und auf eine eigenartige Art und Weise auch etwas Privates. Deshalb habe ich mich erst mal auf andere Studiengänge beworben und wurde ich an einer französischen Elite-Hochschule angenommen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass das nicht das richtige für mich ist. Als Gasthörerin an einer französischen Kunsthochschule habe mich mit Fotografie und Installation ausprobiert. Dann habe ich begonnen, mich an Kunsthochschulen in Deutschland zu bewerben. Es war also eher ein Reifeprozess als ein totaler Kurswechsel. Der Versuch aus der chronologischen Abfolge von Ereignissen und Entwicklungen in meinen Leben ein logisches Narrativ aufzubauen, das ergibt nicht wirklich Sinn. Ich habe das selbst auch lange überbewertet. Ich mache jetzt eben einfach das, was ich mache. Es speist sich aus verschiedenen Quellen und klar, bin ich die Person und die Künstlerin, die ich bin, weil genau das meine Biografie ist. Aber ich bin das noch viel mehr, weil ich fantastische Künstler*innen kennenlernen durfte, die mir so viel Auftrieb geben, die mir beigebracht haben, wie wichtig Humor ist und dass man weder sich selbst, noch diesen ganzen sich erstnehmenden Quatsch ernst nehmen muss, auch wenn man Teil davon ist.

Spiegelt sich deine Biografie in deiner Kunst wider?
Ich habe angefangen Medienkunst zu studieren, weil ich das Gefühl hatte, dass man mit Malerei eigentlich keine nennenswerten gesellschaftlichen Veränderungen herbeiführen kann, bzw. keine gesellschaftsrelevante Praxis haben kann, weil es letztenendes doch einfach teure Deko ist. Deswegen habe ich mich für Medienkunst entschieden. Ich habe aber gemerkt, zum einen, wie wichtig mir das Zeichnen und Malen ist. Zum anderen wurden alle Ideen, die ich im Grundstudium hatte, durch Reflexion und Hinterfragen ausgebremst. Die ganze Startenergie, mit der man in so ein Studium reingeht, wurde schon ausgebremst bevor Dinge überhaupt entstehen konnten. Es wurde immer schon gefragt, was soll das bringen, wohin soll dich das bringen? Vieles wurde schon im Voraus kaputt geredet. Das hat mich sehr frustriert. Ich hatte zwar Politikwissenschaften mit einem gewissen Anspruch auf Erkenntnisgewinn studiert, merkte aber, dass Kunst nicht nur als Vehikel für einen ethisch-moralischen Anspruch stehen kann. Kunst kann auch andere relevante Punkte haben, wie z.B. etwas ganz Persönliches, Privates. Und das Ergebnis muss nicht zwangsläufig stichhaltige politische Aussagen machen. Es hat lange gedauert das so für mich zu akzeptieren.

Waren das eigene Ansprüche an dich und deine Kunst oder kamen die von außen?
Das war eine eigenartige Gemengelage. Eigentlich beides. Ich hatte starke emotionale Impulse und die haben keinen richtigen Weg gefunden, keine richtige Form. Kunst machen funktioniert für mich erst richtig gut, seit ich aus der Hochschule draußen bin und mir niemand mehr reinredet. Jetzt bin ich komplett selbst verantwortlich und entscheide in welcher Geschwindigkeit ich arbeite. Jetzt kann ich auch einfach mal Quatsch produzieren. Meistens ist es dann kein Quatsch, aber es darf erst mal irrelevant sein.

Sieht man sich deine Bilder an, fällt zuerst die fröhlich-leuchtende Farbgebung ins Auge. Sieht man genauer hin, kann man schon mal kurz vor so viel unverhüllter Männlichkeit erschrecken. Wie gehört das zusammen?
Das hat verschiedene Ebenen: zum einen ist es natürlich die Freude an der Farbe. Ganz kindlich, ich mache die Sonne rot, mache den Himmel blau, die Wiese grün, und zwar richtig blau, richtig grün! Die Freude an intensiver Farbgebung als Ausdruck von Fröhlichkeit, unverhohlener Lebendigkeit. Nicht nur mir, sondern auch anderen Menschen macht das Freude. Zu wissen, es gibt Menschen, die meine Farbgebung lieben, das finde ich schön. Und dann ist da auf einmal der nackte Mann auf dem Bild.

Ich habe gemerkt, ich bin von Diskriminierung betroffen, einfach nur, weil ich eine Frau im Kunstbetrieb bin. Das hat mich emotional sehr getroffen, weil ich immer davon ausgegangen bin, dass alle die gleichen Chancen haben. Das ist äußerst naiv. Die Realität ist, dass nur sehr sehr wenige Frauen tatsächlich von ihrer Kunst leben können. Stück für Stück sind diese Tatsachen zu mir durchgedrungen. Im Zuge dieses Prozesses habe ich angefangen, mich für kritische Männlichkeitsforschung zu interessieren. Was gibt es für Formen von Männlichkeit? So bin ich dazu gekommen mir Männer als Gegenstand meines Schaffens auszuerwählen. Auf der einen Seite besteht darin die Ermächtigung, den männlichen Körper zu objektivieren. So, wie es in der Kunst permanent mit dem Frauenkörper gemacht wird. Deswegen heißt meine Serie auch „Das schöne Geschlecht“. Dabei wirken die Arbeiten teilweise bloßstellend, trotzdem gibt es auch ein sich-zu-wendenden-Blick auf zarte, verletzliche Männlichkeiten. Das ganze aber immer gekoppelt mit der expliziten Darstellung von primären Geschlechtsmerkmalen – also Pimmeln.

Es geht also um den Platz der Frau im Kunstbetrieb, aber du gehst das Thema über die Darstellung des Mannes an. Stellt man damit nicht wieder den Mann in den Vordergrund?
Das ist ein Inspirationsprozess. Die Arbeit selbst bezieht sich ja nicht auf Männer im Kunstbetrieb, sondern hat einen viel allgemeineren, vielleicht sogar psychologischen Ansatz und hat mit dem Mann im Kunstbetrieb direkt nichts mehr zu tun. Das eine ist nicht die logische Antwort auf das andere. Was kann ein weiblicher Blick auf eine männliche Sexualität sein und was ist das für ein Blick auf das männliche Selbstbild? Das ist etwas ganz anderes als einen tatsächlichen politischen Kampf in den sozio-ökonomischen Gegebenheiten im Kunstbetrieb zu führen. Das hat nicht mehr viel miteinander zu tun. Es wäre wahnsinnig zu sagen, ich versuche mit meinen Arbeiten etwas im Kunstbetrieb zu ändern. Die Machtverhältnisse sind eine Inspirationsquelle, weil sie mich direkt betreffen, ohne dass ich mir diese Betroffenheit ausgesucht hätte.

Was denkst du von feministischen Bewegungen im Kunstbetrieb?
Ich kenne z.B. Ausstellungen, die nur Künstlerinnen zeigen. Das gibt es ja schon lange. Das Problem dabei ist, dass, wie bei anderen Gruppen, die Diskriminierungserfahrungen machen, es die Abspaltung eher verstärkt. Nämlich, dass Frauen nicht als Teil des regulären Kunstbetriebs gesehen werden, sondern eher als gute Ergänzung, so nach dem Motto, jetzt haben wir da fünf Künstler, jetzt wäre es gut, wenn wir noch eine Frau dabei hätten, sonst regen sich wieder alle auf. Auch die meisten Galerien werden von Männern geleitet. Die meisten Kunstsammler sind Männer. Wir sind ja erst seit ein paar Jahrzehnten juristisch eigenständig als Frauen und hatten einfach noch nicht so lange Zeit, kulturelles und tatsächliches Kapital anzuhäufen. Sammlerkultur und Museumskultur sind auch aufgrund der zeitlichen Nähe zur ökonomischen und juristischen Abhängigkeit der Frauen von Männern unter männlicher Hegemonie. Vor allem ist die gefühlte Gleichberechtigung viel größer als die tatsächliche. Wir werden viel mehr gesehen, bekommen viel mehr Anerkennung. Aber ein beschämender Teil des Geldes, des Kapitals, liegt immer noch bei den Männern. Wer ist denn heutzutage ein berühmter Künstler, der genug Aufmerksamkeit auf sich zieht? Aufmerksamkeit von wem? Von den Leuten, die bezahlen können? Welches Geschlecht haben die? Das dreht sich im Kreis. Darin liegt kein Vorwurf, es ist ein logisch erschließbares Phänomen.

Das heißt, wir dürfen uns noch ein bisschen Zeit nehmen und uns erst in diese Rolle einfinden?
Wenn es in gleichem Tempo weiter geht, sind wir erst in gut 200 Jahren beruflich gleichberechtigt Wenn wir uns die Gender-Pay-Gap anschauen: Frauen und Männer verdienen fast gleich, solange, bis Frauen Kinder bekommen. Dann fangen beide Partner an, sich in tradierten Rollen einzurichten, egal wie alternativ sie leben oder ob sie von Diskriminierungsstrukturen wissen. Da greifen auf einmal wieder Wirkmächte, die Frauen und Männer auf ein Rollenbild der 60er-Jahre zurückwerfen. Da geht es am Ende um Geld, um materielle Ressourcen. Das klingt so abstrakt. Aber diese Frauen haben später einfach weniger Geld, weniger Rente. Für Frauen ist das Kinderkriegen Armutsrisiko Nummer eins. Ich habe mich dazu entschieden keine Kinder zu bekommen, weil Kinderkriegen und von der Kunst leben, das geht für mich nicht. Dann kann ich meine Karriere gleich an den Nagel hängen. Leider bekommt man manchmal das Gefühl, dass die Gesellschaft schon viel weiter zu sein scheint, als sie eigentlich ist.

Zurück zu deinen Bildern: Oft kommen Tiere darin vor. Welche Rolle spielen sie?
Ich liebe die Natur und fühle mich allen lebenden Wesen verbunden. Dazu gehören auch auf jeden Fall die Tiere. Ich bin ein Pferdemädchen gewesen, fand Pferde immer süß. Meine Eltern hatten leider nicht genug Cash Money, um mich zum Reitunterreicht zu schicken, aber mich haben diese Tiere immer fasziniert. Manchmal fällt es mir leichter, meine Figur in Form eines Tieres darzustellen, weil das Tier eine bestimmte Symbolik oder Charaktereigenschaft mitbringt. Die Tiere in meinen Bildern sind also genauso Akteure, wie die menschlichen Figuren. Außerdem hat man mit Tieren manchmal weniger das Genderidentifizierungsroblem. Muss ich der Figur jetzt lange Haare geben, damit die Leute verstehen, dass es sich um eine weibliche Figur handelt?

Ist die Tierart wichtig?
Ja sehr. Ich habe einen totalen Vogel-Fimmel. Ich liebe Vögel. Ich stelle ihnen immer draußen frisches Wasser hin, damit es ihnen gut geht. Es gibt eine Art Fortsetzung, Weiterentwicklung der kindlichen zur erwachsenen Imagination. Obwohl in der erwachsenen natürlich mehr drinsteckt: Es gibt nicht mehr nur Gut und Böse. Ich kann und muss damit total brechen, z.B. durch sexuelle Darstellungen. Man fragt sich, was haben die Brüste mit dem Pferd zu tun? Ich liebe die Zugänglichkeit dieser Tiermotive und habe Spaß an der Absurdität, die durch diesen Bruch entsteht. Klare Zuschreibungen verschwimmen. Brüste gehören zur Erotik, ins Schlafzimmer, ins Erwachsenenleben – Pferde ins Kinderzimmer, zur Gut/Böse-Imagination, zur einfachen Welt. Auf meiner Leinwand kommen sie zusammen.

Hast du künstlerische Vorbilder, die dich inspirieren?
Es gab immer mal wieder Künstler*innen, die mich sehr inspiriert haben. Eine der wichtigsten ist sicherlich Maria Lassnig, in der Einfachheit ihrer Malerei, dem Gestischen, auch den intensiven Farben, mit den Türkisen und Fleischfarbenen Figuren, die manchmal deformierte Körper haben. Auch die Idee, dass Malerei ganz viel mit dem eigenen Körper zu tun hat gefällt mir.

Gerade male ich ein blaues Pferd. Ich weiß jetzt schon: die Leute werden Franz Marc benennen. Oft höre ich, meine Malerei sei an die Klassische Moderne angelegt. Aber ich beziehe mich nicht direkt drauf. Es ist natürlich einfach zu sagen, das kommt aus mir und aus dem künstlerischen Vakuum, aus meinem ganz abgeschlossenen Ich – was ein immer noch gängiges Narrativ ist, das sich auf den Künstler als Genius bezieht. Was für ein Bullshit. Natürlich sind die Expressionisten eine Inspiration für mich. Natürlich sind die sichtbar in meiner Arbeit. Aber wenn ich mir die Kunstgeschichte anschaue, dann will ich mich den damit verknüpften Narrativen nicht anschließen. Die Künstler der Klassischen Moderne sind keine Vorbilder für mich.

Neben der Malerei machst du noch viele Riso-Drucke. Was ist das genau?
Das ist eine Drucktechnik, die in den 80ern entwickelt wurde von einer japanischen Firma, die so ähnlich wie Siebdruck funktioniert. Sieht aus wie ein Kopierer, ist eine interessante Mischung aus Digitalem und Analogen. Tatsächlich wurde das erste Modell im August 1986 vorgestellt und ist damit genauso alt wie ich. Ich arbeite auf der Basis von Scherenschnitten mit diesem Medium, um vielfarbige Drucke zu machen. Obwohl da, wie bei anderen analogen Drucktechniken, das Problem besteht, dass man das gleiche Blatt bedruckt und man höllisch aufpassen muss, dass nichts wackelt. Das kriegt man nie ordentlich hin. Man hat immer Blitzer, Verschiebungen, Ungenauigkeiten drin. Ich finde diese Ungenauigkeiten sind die große Stärke dieses Mediums.

Was steht in nächster Zeit auf deinem Terminplan?
Ich habe gerade in einem kleinen sehr schönen Café und Plattenladen eine kleine Ausstellung mit neuen Riso-Drucken, die heißt „Why Do I Feel So Weak“. Das ist vielleicht die Verarbeitung meiner ersten post-Diplom-Depression. Das Gefühl von körperlicher und geistiger Schwäche, die Anflüge eines Burn-Out. Ich war einfach extrem überladen. Aber die Drucke sind sehr schön geworden. Außerdem habe ich gerade noch eine Ausstellung im KunstvereinL102.art in Berlin. Ansonsten arbeite ich gerade an Bildern für die nächste Gruppenausstellung in der a&o-Kunsthalle. Die Ausstellung dort heißt „Time Capsule“ und eröffnet am 20. Juli.

 

Das Interview mit Tobia König führte Katharina Rohmeder – Kunsthistorikerin, Kulturwissenschaftlerin und Kunstvermittlerin, und unser neues THEWHYNOT Teammitglied. 

 


Tobia König

www.tobia-koenig.com

Instagram: @tobiakoenig


Fotos: @Tobia König und @Barbara Proschak