ART, Artists we love

Artist we love: Fortune Hunter


„Ich musste mir manche Maltechniken schrittweise selbst aneignen. Diese Einschränkung hatte einen sehr positiven Effekt auf meine Kreativität.“


 

Bei dem Kennenlernen von neuen Kunstwerken möchte ich immer wissen, wer der Künstler oder die Künstlerin ist, die hinter der Arbeit steht. Immer. Darüber fällt es mir leichter ein Werk zu erschließen. Außerdem ist es dann nicht mehr nur eine Malerei, ein Objekt, eine Collage oder eine Zeichnung, die mir aus rein ästhetischen Gründen gefällt, sondern weil es dann anfängt zu leben. Es entsteht eine andere ganz andere Verbindung zu einer Arbeit, erst recht, wenn ich sie mir zuhause aufhänge und sie in meinen Alltag integriere. Es entsteht ein Gefühl.

So zum Beispiel auch bei Joaquin Lemaitre aka Fortune Hunter, dessen Arbeiten ich auf der letzten STROKE Art Fair in München gesehen habe und am gleichen Abend googelte, wer wohl dieser Glücksritter ist. Und siehe da, der Lebensweg von Joaquin könnte kaum spannender sein und gibt nochmal einen ganz neuen Blickwinkel auf die Malereien.

Hier im Interview bekommt ihr einen kleinen Einblick in die Welt des Fortune Hunter. Er erzählt über seinen Weg der ihn über Dortmund, nach Bolivien, dann weiter nach Montreal und schließlich nach Stuttgart geführt hat. Wie sein Arbeitsplatz aussieht und das für die Entstehung seines letzten Bildes Yoko Ono eine wichtige Rolle spielte.
Viel Spaß!

 

 

Du heißt eigentlich Joaquin Lemaitre. Was hat es mit dem Namen Fortune Hunter auf sich?
Vor einigen Jahren wollte ich zum ersten Mal meine Werke mit anderen teilen und ich wusste, dass ich dies unter einem ganz neuen Namen machen möchte. Nicht, weil ich meinen eigenen Namen nicht mag, sondern weil ich dieses Projekt von Grund auf neu erschuf. Da ich schon immer Musik geliebt habe und seit Jahren Gitarre spiele, wollte ich gerne wie eine Band heißen. Wichtig war mir dabei auch, dass mein Name ein bestimmtes Gefühl vermittelt, so wie es auch bei vielen Bandnamen der Fall ist. Daraufhin entstand mein Künstlername FORTUNE HUNTER, der für mich u. a. auch für Bewegung und Neuerfindung steht.

 

Du hastest eine spannende Lebenslinie. Geboren in Dortmund, aufgewachsen in Bolivien, in Montreal Maschinenbau studiert und jetzt in Stuttgart u. a. als Künstler Fortune Hunter unterwegs. Was nimmst du aus den jeweiligen Kulturen für dich persönlich mit?
Angefangen mit Bolivien, kann ich sagen, dass ich in erster Linie die Vielfältigkeit des Landes und die der Gesellschaft und die Bedeutung der Familie mitgenommen habe. Als ehemalige spanische Kolonie hat Bolivien eine sehr komplexe Geschichte, die sich natürlich heute in vielen unterschiedlichen Bereichen manifestiert. Offiziell sind z. B. mehr als 30 Sprachen in Bolivien anerkannt, unter anderem Spanisch, Quechua, Aymara und Guaraní. Die Familie hat eine sehr zentrale und wichtige Bedeutung im alltäglichen Leben der Bolivianer. Dies habe ich erst zu schätzen gelernt, als ich dann zum Studieren nach Kanada zog und ich meine Familie nur noch sehr wenig sah. Aus Montreal habe ich definitiv die Weltoffenheit, Freundlichkeit und Kreativität der Menschen mitgenommen. Die Kanadier sind ein total freundliches und liberales Volk. Ein Grund, warum ich mich wahrscheinlich so schnell zu Hause gefühlt habe. Außerdem sind die Montrealer immer innovativ und motiviert in den Bereichen der Künste und der Subkultur mit ihren zahlreichen Musik-, Tanz-, Theater- und Streetart Festivals. Mit 4 Jahren bin ich mit meiner Familie von Dortmund wieder zurück nach Bolivien und habe dort dann die Deutsche Schule besucht. Somit hatte ich schon immer einen engen Kontakt zur deutschen Kultur. Als Teil des Schulprogramms war ich in der 11. Klasse für knapp fünf Monate als Austauschschüler in Deutschland. In den letzten Jahren hier in Deutschland habe ich sehr gute Freundschaften entwickelt. Mir fiel auf, dass hier Freundschaften nicht als selbstverständlich angesehen werden und sie dadurch meist nie oberflächlich sind. Man muss sie pflegen und letztendlich kann man sich immer auf diese Freunde verlassen. Das ist sicherlich etwas, das ich hier sehr schätze.

 

Aus beruflichen Gründen bist du zurück nach Deutschland gekommen. Für immer? Oder könnest du dir vorstellen nochmal ganz woanders zu leben?
Am Anfang hatte ich keine Ahnung, wie lange ich in Deutschland bleiben würde. Mittlerweile bin ich schon über 8 Jahre hier und ich fühle mich total wohl. Aber ja, ich könnte mir auf jeden Fall vorstellen, mal wieder ganz woanders zu leben. Momentan will ich mich allerdings mehr auf meine Kunst konzentrieren und dies gelingt mir hier sehr gut. Außerdem werden meine Freundin und ich dieses Jahr Eltern! Wir sind überglücklich und wissen, dass es eine riesige Umstellung sein wird. Von daher, vielleicht in ein paar Jahren, wer weiß.

 

Erzähl uns ein bisschen etwas über deine Kunst? Deine Arbeiten sind geprägt von fragmentierten, collageartig zerschnittenen und neu zusammengefügten Gesichtern. Häufig wirken sie traurig, maskenartig, fast leer. Stehen hinter diesen Gesichtern wahre Menschen?
Anfangs habe ich mich meistens nur mit schwarz-weißen Illustrationen, die Motive mit gewisser Ironie und Humor darstellten, beschäftigt. Als ich mit Malen anfing, habe ich eine völlig neue Welt für mich entdeckt. Ich musste mir manche Maltechniken schrittweise selbst aneignen. Diese Einschränkung hatte einen sehr positiven Effekt auf meine Kreativität. Wenn ich derzeit neue Werke anfange distanziere ich mich grundsätzlich von spezifischen Themen oder Erzählungen. Im Moment genieße ich es sehr, diesen freien Arbeitsprozess zu erleben. Meiner Meinung nach hat jeder Mensch verschiedene Facetten, die sich hinter einer emotionalen, physischen, gedanklichen und unterbewussten Ebene bewegen. Momentan versuche ich diese Facetten eines Menschen in meinen Arbeiten collageartig, nebeneinandergestellt, frei und intuitiv einzufangen und miteinander zu verflechten. Nicht immer stehen wahre Menschen hinter diesen Gesichtern. Mein letztes Bild “Modern Lisa” entstand z. B. aus einem alten Foto von Yoko Ono, das mir sehr gefallen hat.

 

Erzählst du Geschichten in deinen Arbeiten?
Es ist durchaus möglich, dass es durch die vielfältigen Elemente, die ich anwende, abstrakte Geschichten hinter meinen Bildern gibt. Außerdem hat die Kombination solcher Elemente noch eine emotionale und ästhetische Bedeutung für mich. Wiederum finde ich es interessanter, welche Geschichten aus der eigenen, persönlichen Wahrnehmung des Zuschauers entstehen können.

 

Ich habe gelesen, das dich lange Zeit der italienische Street Artist BLU inspiriert hat, den ich auch für viele seiner Arbeiten schätze und besonders seine Zeichnungen mag. Was hast du von ihm in deine Werke übertragen?
Für mich war BLU der erste Street Artist, der damals in solch riesigen und unvorstellbaren Formaten gearbeitet hat. Ich war von der Umsetzung seiner großen Murals und auch von seinen Street-Art Animationen fasziniert. Seine Zeichnungen und Ideen waren an sich so simpel aber gleichzeitig unheimlich ansprechend und einzigartig. In Berlin konnte ich mir Jahre später manche Murals von ihm anschauen. Tatsächlich waren es BLU und die Montreal Kunst-Kollektive EN MASSE, die mich wieder zum Zeichnen gebracht haben und ich werde ihnen immer dankbar für diese tolle Inspiration sein.

 

Wer inspiriert dich heute?
Es gibt eine Menge von sehr talentierten Künstlerinnen und Künstlern, die mich heutzutage inspirieren. Um ein paar Namen zu nennen: Linsey Levendall, Telmo Miel, Martine Johanna, Gina Kiel, Michael Reeder, Hueman, Waone Interesni Kazki, Smithe One, Jen Mann, Mario Mankey, etc. Die Liste könnte ich noch weiter führen!

 

Wie sieht dein Arbeitsplatz aus, an dem deine Arbeiten entstehen?
Unser Esszimmer hat sich langsam zu einem Homeatelier entwickelt. Dort sammeln sich Farben, Bilder und andere Kunstmaterialien. An einer Wand hängen ein paar gerahmte Werke von mir und einige Prints von anderen Künstlern, die ich mir gekauft habe. An der anderen Wand sind zurzeit zwei große Leinwände, an denen ich arbeite. Ah, und meine Gitarren hängen auch im Raum. Auf Dauer werde ich versuchen, ein Atelier zu finden das man sich vielleicht mit anderen Künstlern teilt.

 

Wenn alles (wie Geld, Zeit, Ort) keine Rolle spielen würde, wo würde deine Reise als Künstler hingehen? Was würdest du gern mal verwirklichen?
Am liebsten würde ich gerne einige Streetart Projekte starten und großformatige Murals an verschiedenen Orten machen. Hierzu mache ich mir gerade Gedanken, wo und was genau realisiert werden könnte. Hoffentlich wird sich bald etwas ergeben.

 

 

 

 

 


 Fortune Hunter

www.fortunehunter.se

Instagram: @fortunehunterart

 

 


Fotos: @Fortune Hunter / Joaquin Lemaitre