ART, Artists we love

Artist we love: Eunsun Ko


 

„In meiner Kunst geht es um Geschichten, die ich erfahren habe. Ich möchte thematisieren, was ich genau sehe, intensiv erfahre und greifen kann.“

 


 

Manchmal, wenn man ganz aufmerksam ist, spürt man den Windhauch von vorbei eilenden Menschen. Man riecht sie oder spürt die aufwirbelnde kühle Luft, die einem den Atem anhalten oder manchmal auch tief einatmen lässt. Es sind Momente, die man kaum erklären kann – zu kurz und subtil das Gefühl, welches sich nur für eine oder vielleicht zwei Sekunden ausbreitet.

Eunsun Ko beobachtet die Momente in ihrer Umwelt ganz genau und das, was in ihrem Körper passiert, die emotionale Ebene. In ihrer bildnerischen Umsetzung erhofft sie sich, genau diese Gefühle beim Betrachter auszulösen. So erzählt sie in ihren Arbeiten Geschichten, die sie erlebt hat. Meistens auf einen aussagekräftigen Kern heruntergebrochen. Mit abstrakten, visuellen Elementen, Metaphern oder auch immer mal wieder mit Humor.

Eunsun Ko (1982) ist in Seoul (Südkorea) geboren und hat an der Ewha Universität Seoul Bildhauerei und Philosophie studiert. 2010 kam sie nach Berlin, um an der Universität der Künste Kunst im Kontext zu studieren.

Hört sich alles ganz schön spannend an? Finde ich auch. Und deswegen wollte ich mehr über Eunsun Ko und ihre Arbeiten erfahren und habe sie nicht nur zu diesem Interview eingeladen, sondern auch zu unserer nächsten ROOMSERVICE Ausstellung am 11. November in Regensburg.

 

Seit wann lebst und arbeitest du in Berlin?
Ungefähr seit Anfang 2010 bin ich in Berlin. Die erste Zeit habe ich hier studiert.
Im Jahr 2014 nach dem Studium habe ich Berlin ein halbes Jahr verlassen und überlegt, ob ich zurückkomme und hier weiter leben soll.

Was fasziniert dich an Berlin?
Zum Beispiel, wenn ein Mongole aus seiner Heimat gerade am Flughafen Tegel angekommen ist. Und er dann mit einem toten Pferdekopf mit dem TXL-Bus in die Stadt hereinfährt, sagen einige Leute, die ihn sehen, sicherlich: „Oh ja, typisch Berlin.“ Andererseits, wenn in einem Café zwei Amerikaner über ihr Startup-Business sich intensiv mit lauter Stimme und mit ihrer typischen Betonung unterhalten hätten, hätte wahrscheinlich ein Deutscher aus einer anderen Stadt gesagt: „Oh ja, guck mal. Wir sind jetzt in Berlin.“ Solche Beispiele kann ich einige nennen. Unterschiedliche Dinge kommen in Berlin an und die werden ohne Probleme sofort zu etwas typisch berlinerischem. Und drum herum aber gibt es immer die stark gebliebene deutsche Atmosphäre von Ordnung, Sicherheit, Stabilität, Qualität. Es gibt den deutschen Regierungssitz, die Behörden, den Charakter der Deutschen usw. Diese Mischung.

Was ist in deinen Bildwelten zu entdecken?
In meiner Kunst gibt es abstrakte, visuelle Elemente, Metaphern oder Humor. Immer vom Thema abhängig. Ich versuche den Kern der Dingen herauszuschälen. Wenn ich ein Thema oder Phänomen dieser Welt auswähle, schäle ich ziemlich viel oder reduziere, bis ein Kern zum Vorschein kommt, den ich zeigen will.
Bei meinen Schlaf/Wach-Zeichnungen sieht man eine emotionale Ebene mit dünnen Linien in kompakter Form. Humorvolle Elemente sieht man mehr in meinen figurativen Zeichnungen. Bei meiner November-Ausstellung in Regensburg werde ich zwar meine Installationsarbeiten oder Skulpturen nicht zeigen, aber in diesen Arbeiten fließen auch sehr viele Alltagsbeobachtungen von mir mit ein.

Worum geht es in deiner Kunst?
In meiner Kunst geht es um Geschichten, die ich erfahren habe. Ich möchte thematisieren, was ich genau sehe, intensiv erfahre und greifen kann. Ein Schriftsteller oder Regisseur produziert ein Werk je nach Thema unterschiedlich. Bei mir ist es genauso. Ich probiere ein visuell möglichst effektives Aussehen zu erreichen, damit der Betrachter genau das fühlen kann, was ich ausdrücken möchte. Es klappt nicht immer, aber ich versuche es immer mit diesem Ziel. Geschichten und Themen, die mich aktuell beschäftigen, sind Körper von Menschen, die ich persönlich intensiv erfahren habe. Mit meiner Erinnerung repräsentiere ich die Körperteile, die mich beeindruckt haben, in Ton mit einer Art Massage-Technik. Oder die Phänomene in Berlin, die ich heutzutage erfahre. Etwa Prenzlauer Berg oder Bio-Konzepte überall, deutsche Büros, Denkmäler, Versicherungssysteme. Das, was ich als Ausländerin sehe und in eine zeichnerische Arbeit umsetze. Oder verstummte, innere geistige Schmerzen in abstrakter oder figurativer Malerei ausdrücken. Natürlich sind alle Inhalte von meinen Arbeiten aus meiner eigenen intensiven Erfahrung.

Was macht deine künstlerische Arbeit aus? Was möchtest du dem Betrachter mitgeben?
Eine Perspektive, meine Perspektive, die ich bezüglich eines Objekts oder eines Phänomens habe. Und ich möchte meine Überzeugung mithilfe meiner Ästhetik festhalten. Darüber hinaus, wenn es geht, möchte ich eine Verbindung zum Betrachter aufbauen, Verständnis hervorrufen, Empathie.

Welche Fragestellungen bearbeitest du?
Ich stelle oft eine fundamentale Frage. Zum Beispiel: Was ist Grün? Die Farbe, die wir Grün nennen, bis wohin werde ich sie als Grün akzeptieren? Von welcher Grün-Benennung bin ich in der aktuellen Situation enttäuscht? Zum Beispiel ein Massen-angefertigter grüner Tisch von IKEA. Natürlich müssen wir ihn grünen Tisch nennen. Aber was ist der Kern von Grün, den man nicht wegmachen kann? Und dann überzeuge ich den Betrachter durch meine Arbeit. Oder auch solche Fragestellungen: Wie fühlt man sich, wenn man gerade mit einem dicken Schlafkopf aufwacht, die Seele wach wird. Wie sieht es aus, wenn ich das als einen sichtbaren Zustand, als eine Kunstarbeit produziere? Und diese Zustände, diese Ergebnisse von meinen Arbeiten sind die Antworten von diesen Fragen. Formen von verstummten Schmerzen, Formen von dem Gefühl, das man von deutscher Büroarchitektur fühlt.

Mit welchen Materialien arbeitest du?
Ich benutze Papier, Ton, Tinte, Flecken, meinen Schlüssel, Räume aus Fotodokumenten, Naturlicht, einen Weisheitszahn, Pflanzen, eine Badewanne, Wasser, Klavierstücke vom meinem Freund, Fensterszenen im Zimmer, Staub, Holz, Malkreide, Texte, meine Stimme, den botanischen Garten, leere Bilderrahmen, Obstkerne usw. Ich habe alles genannt was ich erinnere.

Wer oder was inspiriert dich?
Leute, denen ich im Alltag begegne. Sowohl Menschen, die ich nur kurz treffe als auch sehr enge Beziehungen. Beispielsweise ist ein mittelalter Mann, den ich nicht kannte, der in der Weihnachtszeit mit schneller Geschwindigkeit am Potsdamer Platz an mir vorbeigelaufen ist. Er gab mir die Inspiration für einen Text, als ich den Wind in meinem Gesicht spürte, von seinem Vorbeilaufen. Oder ein guter Freund von mir inspirierte mich beim Aussehen meiner Bilder zum Thema dumpfer Schmerz. Oder, wenn ich etwas allgemeiner schaue, dann auch bekannte Persönlichkeiten wie Bach, Lacan, Gaston Bachelard oder Nam June Paik.

Was tust du, wenn du mal so gar nicht kreativ bist?
Ich mache gar nichts. Ich meine für meine Kunst mache ich dann gar nichts, keine einzige Mühe. Kreativität muss herauskommen, wie Regen vom Himmel. Wenn eine Wolke genug schwer ist, dann kommt Regen.

Wie kommst du aus einem kreativen Loch?
Es passiert einfach. Nach einiger Zeit merke ich, dass ich wieder kreativer bin. Vorher gab es vielleicht Dinge im praktischen Leben, die mich ablenkt haben. Aber wenn ich abwarte, dann kommt meine Kreativität wieder.

Und wie fühlst du dich, wenn du in einem Flow bist?
Sehr natürlich, als ob ich dafür lebe, was ich gerade tue. Angenehm. Balanciert.

Wo möchtest du einmal leben?
Dublin. Ich mag die Farben und die Luft in der Stadt.

Und wo möchtest du einmal ausstellen?
Paris. Dort gibt es viele sympathische Ausstellungen, die ich in den Galerien dort gesehen habe.

 


Eunsun Ko

 

www.eunsunko.com

Facebook: @Eunsun Ko

 


Fotos: @Eunsun Ko