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Lass uns über’s Wasser gehen – Christo auf dem Iseosee


Why Not?!

Über’s Wasser gehen – Christo macht es möglich


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Da ist er also, der Iseosee. Um ihn herum reihen sich Orte, wie so viele in der Lombardei, mit mitttelalterlichen Gassen, Zypressen und Häusern der italienischen Renaissance. Verlassen, still und leer waberert normalerweise hier ein Hauch von Melancholie und Romantik über das unebene Kopfsteinplaster – bis jetzt. Der Iseosee ist seit vergangenem Wochenende DER neue Hotspot in Italien, ach was, in der Kunstwelt. „The Place to be“ wie Lonley Planet es beschreibt, der Comer See und der Gardasee in direkter Nachbarschaft können sich derzeit erstmal hinten anstellen.

Und warum? Weil der Verpackungskünstler Christo Hand anelegt hat und 16 Tage lang mit seinem begehbaren Kunstwerk „FLOATING PIERS“ alle Blicke auf sich zieht.

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Tatsächlich ist die wackelige Konstruktion, die sich gut 3 Kilometer über den Iseosee erstreckt, ein ganz besonderes Kunstereignis und Kunsterlebnis. Dahliengelbe Nylonbahnen überziehen einen gigantischen Steg, der je nach Lichteinfall und Nässe auch mal rot leuchtet oder golden glänzt. Zu begehen ist er, nach Empfehlung Christos, unbedingt Barfuß, weil sich dann die Wellenbewegungen am besten spüren lassen. Gesagt – getan und so ist es ein Gefühl von gleichzeitigen Bergauf- und Bergabbewegungen, gepaart mit einem leichten Anflug von Seekrankheit. Seicht plätschert dabei das Wasser an den Rand des Steges, fast schon magisch und enorm entspannend, wenn … ja wenn… da nicht die große Zahl der Besucher wäre, die mit über das Wasser wandelt und die Atmosphäre zeitweise einem Rummelplatz voller Kunstspiesser ähnelt.

Und trotzdem ist Christo bei seinen „FLOATING PIERS“ die physische Erfahrung wichtig. Er möchte mit seinem Werk die Menschen zum Gehen bringen. Und er möchte mit seinen Verhüllungen Orte oder Gebäude verändern, was er insofern geschafft hat, dass die Iseosee-Region wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht zu sein scheint und gerade aus dem Schatten seiner großen Konkurrenten empor steigt. Überall sind die Menschen aktiv geworden. Sie vermieten ihre Boots-Garagen oder freien Felder als Parkplätze, bieten in Foodtrucks Spezialitäten aus der Region an und haben ihre Restaurants und Bars um Personal und Esspressomaschinen aufgestockt. Polizei und Krankenwagen sind recht präsent, während das Shuttelsystem via Linienbus an seine Grenzen geraten ist, zum Ärgernis vieler älterer Menschen, die recht mühselig die vielen Kilometer hinter sich lassen, bis sie endlich den Anfang des strahlend orangfarbenen Steges erreicht haben. Auf dem See kreuzen die Rivas und in der Luft die Helis. In den Tunneln und auf den Straßen sieht man edle Cabrios mit Wochenendausflüglern und Neugierigen. Ein buntes Treiben, was jetzt schon viele Geschichten von Überfüllungen, Unwettern, Chaos und stundenlangen Fußmärschen schreibt. Angeblich sind die Floatings Piers gestern Nacht sogar geschlossen worden, weil der große Besucheransturm die Stege zu sehr beansprucht haben.

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Insgesamt bleibt das Kunstwerk 16 Tage, also bis zum 3. Juli, bestehen, bis es wieder demontiert wird. 15 Mio. Euro soll es gekostet haben. Christo hat jedoch auf öffentliche Gelder, Förderungen oder Eintrittsgelder verzichtet und finanziert die Kosten allein über den Verkauf seiner Pläne und Zeichnungen. Diese Installation schien jedoch nur ein Zeitvertreib von Christo gewesen zu sein, oder ein Herzenprojekt, welches er aus Liebe zu seiner verstorbenen Frau und Partnerin noch unbedingt umsetzen wollte, denn sein nächstes Mega-Projekt hat der 81 jährige Künstler in Planung: In der Wüste von Abu Dhabi soll aus über 400.000 Ölfässern die permanente Skulptur Mastaba entstehen. Eine Art Pyramide die weit größer als die von Gizeh ist. Mit einem Kostenaufwand von ca. 340 Millionen US Dollar soll es nicht nur das teuerste Kunstwerk der Welt werden, sondern auch das achte Weltwunder. Ob es dazu tatsächlich kommt und wann es dann letztendlich umgesetzt wird, ist noch nicht klar. Wir aber verfolgen für euch die Entwicklungen in dem Wüstenstaat, denn hier tut sich einiges in Sachen Kunst. Und bis dahin gehen wir noch ein bischen weiter über’s Wasser.


„Floating Piers“

Lago d’Iseo, Italy
Eintritt frei

www.christojeanneclaude.net