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Entdeckung: Rochelle Feinstein im Lenbachhaus München

 


„I Made a Terrible Mistake“

Über eine Künstlerin, von der wir nach ihrer ersten Museumsausstellung mehr wissen wollen.


 

Rochelle Feinstein ist eine in New York lebende, amerikanische Künstlerin und einstige Professorin an der berühmten Yale Universität. Ihre Werke sind voller aktueller Fragen zur Kunst und zum Sein, und so tiefgründig und komplex, dass eine Darstellung ihres Werkes hier nur an der Oberfläche schabt. Für all diejenigen, die  nach dieser kleinen Abhandlung Interesse an der Künstlerin Feinstein entwickelt haben, sei der wirklich lesenswerte Katalog zur Ausstellung mit vielen Interviews zu empfehlen.

Was ist also interessant zu wissen?

Rochelle, geboren 1947, ist eigentlich gelernte Illustratorin, hatte als Modezeichnerin und Moderedakteurin für das Magazin seventeen gearbeitet und war in verschiedenen Funktionen in einer Werbeagentur, die durch die Serie Mad Men bekannt wurde, tätig. Die Malerei war für sie als Illustratorin eher ein ihr verschlossener Bereich, den sie aber erkunden wollte. Sie sah in der Malerei mehr als das konzeptuelle, praktische und technische Arbeiten mit konkretem Auftraggeber oder Verbraucher, nämlich, dass sie nicht gefällig sein muss. In der Malerei wird stets die Frage stellt, warum man sie eigentlich macht.

Sie begann also mit der Malerei,  hörte aber auch bald wieder damit auf, als in den 80er Jahren ihr der schlechte Ruf der Malerei zu laut wurde. In der Zeit zeichnete und las sie viel, und beschäftigte sich mit dem Thema Kunst, bis sie schließlich doch zur Malerei zurückkehrte. Sie stellte sich immer wieder neue Fragen, die sie durch die Malerei klären wollte. Somit schafft sie ein sehr interessantes Gesamtwerk, das tiefgründig, philosophisch, gesellschaftskritisch, aber, und das macht Feinstein aus, für die Betrachter zugänglich ist.

Der Schwerpunkt der Ausstellung „I Made a Terrible Mistake“ im Lenbachhaus, übrigens ihre erste Museumsausstellung, liegt auf ihren Malereien und Installationen, die seit Mitte der 1990er Jahre entstanden sind. Dazu versucht die Künstlerin beispielsweise den entmystifizierten Vorgang der Malerei darzustellen, der als ein Stück Leinwand beginnt und als verpacktes Objekt auf dem Lagerregal endet, um damit die Frage nach der Bedeutung von Kunst, die kein Publikum hat, aufzuwerfen.

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„Travel Abroad“ 1997-1998

In einem Werk von 1997-1998 („Travel Abroad“) hatte sie sich die Frage gestellt, wie sie ihre persönliche Reise von Italien nach Deutschland in Formen und Bedingungen der abstrakten Malerei verfassen könnte.

In „The Estate of Rochelle F.“ (2010) wiederum, hat sich Feinstein mit der Finanzkrise von 2008 beschäftigt. Angeregt wurde sie von der Versteigerung von James Browns Hinterlassenschaft bei Christies. Sie beschloss für die Herstellung der Estate-Arbeiten kein neues Material zu kaufen, sondern verwendete das, was sie zur Hand hatte: Putzlappen, sperrige Geburtstagsgeschenke und sie schnitt Leinwände für die Wiedergebrauch aus alten Rahmen heraus. Fast humorvoll wird darin die Endlichkeit des Lebens angesichts der Beständigkeit von Nippes erkennbar.

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„Video“, 2006

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„Before and After“ 1999

Ihr Werk „I Made a Terrbible Mistake“ (2002-2005) hat der Ausstellung im Lenbachhaus den Titel gegeben und ist auch das erste Werk, das sich beim Betreten der Feinstein Ausstellung präsentiert. Eine gelungene kuratorische Auswahl wie wir finden, denn man bekommt rasch Antwort auf die Frage um welch‘ schwerwiegenden Fehler es sich denn wohl handelt und taucht mit Hilfe des Werkes schnell in den abstrakten Kosmos Feinsteins ein.

Ihr wollt mehr erfahren? Dann kommt mit!

 

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„I Made a Terrible Mistake“ 2002-2005

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„Photo“ 2005

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„We love you“ 2004

Beim Betreten dieses ersten Raumes ertönt leise  ein Windgeräusch von links. Von rechts eine Melodie mit einem Sprechgesang, die in Endlosschleife läuft, während einige Strahler den Raum abwechselnd in Rot-, Blau- und Grautönen tünchen. Eine ungewöhnlich kleine Diskokugel dreht sich unermüdlich und wirft ihre Lichter auf die Rauminszenierung aus insgesamt 18 Werken. Darunter 3 Videoarbeiten und Malereien die z.T. Blattaluminium enthalten und deswegen besonders wirkungsvoll in dem Licht erscheinen.

Zu der Frage nach dem Fehler, der die ganze Zeit im Kopf sitzt, wird schnell die Antwort geliefert. Es handelt sich um den Fehler, den Michael Jackson begangen hat, als er im Jahr 2002 seinen Sohn Prince Michael II im vierten Stock des Berliner Hotel Adlon über eine Brüstung gehalten hat. Die Fans bejubelten nicht nur den Künstler, sondern schrien voller Sorge, weil sie Angst hatten, das kleine Kind könnte ihm aus den Händen gleiten. Der Vorfall hatte ein Nachspiel und brachte Michael in Erklärungsnot. „I made a terrbible mistake“ verkündete er daraufhin und Rochelle Feinstein nahm dies zum Ausgangspunkt, die Idee des Fehlers in der Malerei zu untersuchen.

Für diese Untersuchung stelle sie Michael Jackson eine zweite Größe gegenüber: Barry White. Der US-amerikanische Sänger und Songwriter ist bekannt für seine schlüpfrigen eindeutig-zweideutigen Songtexte *, die ihn zur Parodie seiner selbst machten. Auch wenn seine Fans zu Kritikern wurden, lies er sich nicht beirren und machte bis zu seinem Lebensende ohne Erklärungen oder Entschuldigungen so weiter. Glück war es für ihn, dass er nie, wie Michael Jackson, zu einer Vorbildfigur auserkoren wurde, und man ihm seine Fehltritte nicht übel nahm.

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„Gnorw“ 2002

Rochelle Feinstein unterteilt die Rauminszenierung für ihre Untersuchung in zwei Bereiche. Einen für Michael Jackson, der eher schroff erscheint, sich in seiner Materialität zum Teil wiederspricht. In dem Video, dessen Windgeräusch gleich am Eingang nicht zu überhören war, ist zu sehen, wie ein starker Sturm einen Oleanderbusch ins wanken bringt. „Hurrikane“ (2002) nennt Feinstein das Werk. Nicht weit davon entfernt eine Malerei mit fetten Lettern auf kitschig buntem Grund, die das Wort WRONG bilden, sobald man es spiegelverkehrt liest („Gnorw„, 2002). Auf der anderen Seite, die Barry White gewidmet ist, wabern sanfte, schmalzige Klänge und Worte des Sängers durch den Raum, helle sanfte Farben erscheinen auf den Leinwänden, die für den richtigen Leuchteffekt mit dem Blattaluminium versehen sind. Das Rampenlicht erstrahlt in Form von Lichtreflexen unermüdlich; amorphe Formen in zartem Rot, Rosa, Blau und Grün.

In beiden Bereichen, und auch in vielen ihrer anderen Werke, bedient sich Rochelle Feinstein der Sprache. Der Integration von Wörtern im Bild. Wörter überlagern Personen, oder werden wie in dem Bild „We love You“ (2004) zum Hauptbestandteil, in dem sie die bei Protestmärschen verwendeten Parolen freistellt. Ein Werk das sie Michael Jackson zuordnet. Im Bereich Barry Whites ist die Sprache sparsamer und pointierter eingesetzt.

Durch die Gegenüberstellung der beiden großen Persönlichkeiten weckt sie im Betrachter Gedanken wie: „Muss ich mich immer für alles rechtfertigen und entschuldigen? Oder kann ich auch einfach mal Fehler machen?“, zu „Nein! Manche Fehler gehen gar nicht, sind gar abscheulich!“. Ausserdem spürt sie den Veränderungen der 70er und 80er Jahre nach, in denen Hedonismus und Selbstzufriedenheit dem hysterischen sich in Frage stellen und sich bis zur Unkenntlichkeit verändern wollen, gewichen ist.

Nach diesem Raum sind die Werke Feinsteins weniger emotional und den Betrachter einnehmend, aber als Einstieg hat das Werk geschickt geholfen zu erkennen worauf es Feinstein ankommt. So macht es Spaß sich „Travel Abroad länger zu widmen und in ihre Reise einzutauchen oder durch die Werkserie „Love Vibe“ (1999-2014) die großen Lügen der Kunstszene versuchen zu verstehen, und das die Phrase „I love your work“ von Galeriebesuchern, nichts als ihr eigenes Unbehagen und Desinteresse ausdrückt, weil sie nicht wissen was sie sagen sollen.

Nicht nur durch die stets auftauchenden großen Lettern , sondern auch durch ihre Werktitel, die teils als Aufforderungen formuliert sind, teils in der Ich- Form, und man der Frage nicht entkommt, wer an wen adressiert, taucht man tiefer in die Kunst Rochelle Feinsteins ein. Eine Konstante, die einem hilft ihre Werke zu verstehen, ihnen eine Aura geben und sie, wie eingangs erwähnt, uns Betrachtern zugänglich macht.

 


 

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Rochelle Feinstein
„I Made a Terrible Mistake“

-noch bis zum 18.September 2016-

Städtische Galerie im Lenbachhaus
Luisenstraße 33
80333 München

Öffnungszeiten:
Di 10 – 20 Uhr
Mi – So, 10 – 18 Uhr

www.rochellefeinsteinstudio.com

 

 


Diese Ausstellung haben wir in unseren Kunst- und Kulturtipps für September angekündigt. Auf Instagram @thewhynotmag könnt ihr uns zu vielen dieser Veranstaltungen im September folgen.

Fotos: Carolin Samson und PR Lenbachhaus München
Teaserfoto: „Today in History“ 2013

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