ART, Artists we love

Artist we love: ELIOT the super


„Werde Einhorn!“


 

Der Münchner Künstler ELIOT the super ist ein Macher. Er gründet Atelierhäuser, veranstaltet Ausstellungen und hat große Visionen. Seine Kunst kommt aus dem Bereich der Urban Art, womit er schon mit 15 Jahren seinen ersten bezahlten Auftrag bekam und mit 16 Jahren bei der größten legalen Graffiti Aktion Europas mitmischte.

Mittlerweile sieht man ihn auf Kunstmessen in München, Frankfurt und Hamburg. Wir freuen uns nicht nur, dass wir ihn für ein Interview gewinnen konnten, sondern auch für die dritte Ausgabe unserer Ausstellungsreihe ROOMSERVICE, die am 10.11.2019 wieder in Regensburg statt findet.

 

 

Wir kennen dich als Urban Art Künstler, als Graffiti-Maler, als Beatbox-Legende, als Comic-Zeichner… du bist so vielseitig wie kaum ein Künstler. Erzählst du uns etwas über deinen Werdegang und wie du dorthin gekommen bist, wo du heute stehst? Also ist dein Motto immer „go with the flow“?
Ja, aber nicht als „lay back“ verstehen, ich stoße bewusst an, also lenke den „Flow“.
Kreativität war schon immer dominanter Teil meiner Persönlichkeit. Zeichnen, Lego bauen, basteln. Andere Kinder wählten Cowboy und Indiane, zum Fasching ich nötigte meine Mutter zum nähen eines T-Rex und Zebra Kostüms, wobei ich auch sehr gerne Seeräuber war.
So mit 14 bin ich durch einen Freund im Dorf auf das Buch „Subway Art“ und dadurch auf Graffiti aufmerksam geworden. Das war wohl das Schlüsselerlebnis, es hat „klick“ gemacht. Ich hatte eine Ausdrucksform für mich gefunden, die ich dann auch konsequent umsetzte und daraus meine heutige Arbeitsweise und Position entwickeln konnte.
Kunst und Musik war bei mir zuhause immer gegenwärtig genauso wie selbständiges Handeln. Daher war für mich auch ein professioneller Level immer völlig normal. Ich habe auf dem Schulhof von mir mit Airbrush bemalte T-Shirts verkauft und konnte mit 15 meinen ersten Graffiti Auftrag malen. Dieser Auftrag war ein Nachmittag Spaß mit dem was ich gerne tue und für diese Stunden wurde ich dazu super bezahlt. Auch ein Schlüsselerlebnis. Die Aufmerksamkeit von Anderen durch das Malen und Zeichnen und später durch Musik war mir als Sternzeichen Löwe auch nie unangenehm..

Ich konnte mit Schule und pseudo Autoritäten nie viel Anfangen. Ich hinterfragte zu viel und konnte fixe Gegebenheiten schwer einfach so akzeptieren. Alle Dinge die ich tat und für die ich mich besonders interessierte waren neue, kaum bekannte Bereiche und damit auch gesellschaftlich noch nicht relevant. Antworten und Erkenntnisse zu diesen Themen musste ich also selbst erarbeiten. Aber ich war super jung und im geschützten Raum, bei den Eltern wohnend mit Essen auf dem Tisch, konnte ich früh ganz unbekümmert praktische Erfahrungen sammeln. Zum Beispiel mit 16 Jahren bei der Organisation der damals größten legalen Graffiti Aktion Europas. Mit über 180 Sprühern und 60.000 DM Budget einen fast 2km langen Bauzaun bemalen. Es folgten „leading positions“ im Bereich Comix, Computerspiele, CGI Kinofilm und Beatbox.

Ende 2007, damals schon seit 2003 in Berlin, hatte ich einen sehr gut bezahlten Gig als Beatboxer mit den lieben Freunden und Kollegen Gaucho, Bina & Flo, damit war ein Jahr Fixkosten gesichert. Das war mein „goldenes Ticket“ und meine Entscheidung:
100% freischaffend Kunst oder „die trying“.

4 Jahre war das sehr anstrengend und super knapp in der Kasse, in Berlin aber normal. Das hilft ungemein, wenn dein Umfeld in ähnlicher Situation ist wie man selbst. Dann kam die Eistüte und es wird jedes Jahr besser. Vielleicht wegen dem Erfolg auch wieder weg von Berlin, über Wien zurück nach München. 

 

Du bezeichnest dich als „self-representing artist“. Was bedeutet das für deine Arbeitspraxis?
„Self-representing Artist“ bedeutet, der gesamte Prozess unterliegt deiner Kontrolle und Verantwortung. Also nicht nur was und wie du malst, sondern wo und wie du präsentierst.
Ich bin gerne unabhängig.
In meinem Konzept ist die Zusammenarbeit mit Galerien, Händlern und Institutionen aber ebenso fixer Bestandteil, wie eigenständige Teilnahme an Kunst-Messen und Kuration von Ausstellungen oder die Betreibung meines Internetshops.
Jüngster Erfolg ist die Übertragung zweier Gebäude der Stadt München zur Zwischennutzung als Ateliers. Dafür habe ich mich 4 Jahre intensiv eingesetzt und mit Tobias Sehr eine super Unterstützung gefunden um die „Fraunberg Ateliers“ zu leiten.

Damit erfüllst du nicht das gängige Clichée des Künstlers?!
Du siehst also die Selbstvermarktung als wichtigen Bestandteil deiner künstlerischen Praxis? Ich habe den Eindruck, dass das besonders für Künstler oft schwierig ist. Liegt das am „Clichée des Künstlers“? Ist das ein Job wie jeder andere auch?
Nein, das ist kein Job wie jeder andere.
Die meisten scheitern an Disziplin und Willen außerordentlich viel Zeit in diese Arbeit zu stecken und zu lernen. Dabei muss man auch noch auf regelmäßiges Einkommen verzichten. Kunst schaffen ist eine Berufung die viel Opfer fordert und Selbständigkeit voraus setzt. Das ist extrem anstrengend und die finanzielle Unabhängigkeit trotzdem nicht garantiert.
Der Bereich Kunst – ob Musik, darstellend oder bildend – ist ein unerschöpflicher Pool an Clichées, Vorurteilen, Fantasien und abenteuerlichen Geschichten.
Künstlerinnen und Künstler leiden unter dem Vorurteil keine finanzielle Unabhängigkeit erlangen zu können, aber auch an der Vorstellung andere könnten über den Erfolg bestimmen, wie zum Beispiel eine Galerie die den Verkauf und regelmäßige Einnahmen ermöglichen soll.

Ich finde diese Prägungen ganz schlimm, weil diese bedeuten: Fremdbestimmung.

Es wird geradezu vorausgesetzt das Künstlerinnen und Künstler eine andere Arbeit verrichten, weil mit Kunst kein Geld zu verdienen ist. Diese oft in schlecht bezahlter, unqualifizierter Position – weil eine finanziell ergiebige Karriere mehr Zeit verlangt, als Künstler geben möchten. Alle vergessen aber dabei: auch der leichteste Job muss erst erlernt werden! Genauso blockieren sich Künstlerinnen und Künstler mit der bequemen Vorstellung ausschließlich kreativ zu sein und alles andere sollen Andere erledigen.
Geehrt und bewundert werden immer nur die Superstars mit Rekordsummen. Der oft steinige Weg zum Erfolg dieser Vorbilder wird dann einfach ausgeblendet und diejenigen, noch ohne Namen, die es versuchen mitleidig belächelt. Die Frage „Kannst du davon leben“ ist leider allzu oft interessanter als das geschaffene Werk. Ich finde das sollte sich ändern, wir brauchen dringend ein anderes Verständnis zum Kunstschaffen.

Die künstlerische Selbstvermarktung als Investition in sich selbst: man nennt das auch Humankapital. Widerspricht das dem künstlerischen Selbstverständnis?
Im Gegenteil. Gerade das ist künstlerisches Selbst-Verständnis. Zumindest wenn man ein freies, unabhängiges Leben in Selbstverwaltung als Erfolg sieht und für erstrebenswert hält.
Frei und Schaffend bedeutet maximal Selbstbestimmt.
Nach meiner Auffassung gibt es nichts lebenswerteres, als die Freiheit alle Entscheidungen die ich treffe immer für mich und in meinem Sinne zu treffen. Alles was ich lerne kann ich für mich einsetzen. Mein Maßstab gilt. Ich bestimme wann fertig, in welcher Geschwindigkeit, was gut und was überhaupt. Alles was ich tue hat und macht Sinn. Mein Schaffen bin ich und umgekehrt. Wenn ich unzufrieden bin, ändere ich das. Wenn ich zufrieden bin folgt das nächste Level, Mensch lernt nie aus.
Ich messe meinen Erfolg nicht am Honorar sondern an der Freude die mir der Prozess macht und die Befriedigung, wenn das geschaffene besonders gut gelungen ist.
Als Dessert dann die Bestätigung durch den Zuspruch von Anderen, den Verkauf und Mails von Käufern, die einem nur mal sagen wollen das Jahre später die Arbeit immer noch gute Laune macht. Das ist also doch auch sehr romantisch.

 

Die Urban Art ist – trotz Bansky – nach wie vor im akademischen Bereich eher negativ konnotiert. Möchtest du sie salonfähig machen?
Ach mei, „go with the flow“. Ich habe mich bis jetzt noch nicht entschieden ob es Ziel sein soll das ich im akademischen, musealen Bereich aktiv und sichtbar werde. Das muss man sehr wollen. Das fällt auch ungleich leichter wenn man frisch aus der Akademie heraus durch Professoren und Mäzene, sowie Galeristen in diesem Weg gepushed wird. Dann wiederum bin ich ja bereits salonfähig – das bestätigt mein Zuspruch.

Zumindest die Museale, also damit auch die geschichtliche Relevanz, ist zu Lebzeiten bis 35 eine bewusste Karriereentscheidung. Man ist dann allerdings auch eher fremdbestimmt und muss genau darauf achten das und was man liefert. Das „BlaBlaBla“ muß stimmig sein. Inhalt, sowie Story in mehreren Ebenen im Sinne der herrschenden Ansichten geförderter Kulturbetriebe sein. Das bedient Banksy erstklassig, diese Inszenierung der „Anti-Kunstbetrieb-Schredder-Aktion“ war ein Musterbeispiel für gelungenes Marketing in diesem Bereich. Selbst Stimmen die das bemerkten wollten dabei nicht laut in der Kritik sein. Da ist das Kunstgeschäft sehr ähnlich dem Musikgeschäft. Jeder will dabei sein bei Glitter & Glamour. Es fehlt nur „The Paint of Germany“. Auch wenn das denjenigen, die in diesem Bereich arbeiten, oft nicht bewusst ist bzw. eine romantischere Darstellung bevorzugen. Dann wiederum erfährt „anders sein und tun“ die größte Aufmerksamkeit, allerdings niemals sofort oder geplant.

Ich denke eigentlich nicht, dass ich jetzt noch gewollt einen Platz in der Geschichte provozieren kann. Wenn aber an entsprechender Stelle realisiert wird wie sehr gerade junge Menschen auf meine Arbeit fliegen, wäre es unter dem Aspekt „Bildungsauftrag“, Zugang zur Kunst, vielleicht für einige Häuser relevant.
Für mich momentan interessanter wäre später einmal die gezielte Förderung von Nachwuchs. Erfahrungen weitergeben damit es mehr unabhängige Malerinnen und Maler gibt mit vollem Bauch und Freude an der Arbeit. Das auch gerne auf einer Akademie. Zum Beispiel der eigenen, oder mit „The Paint of germany“ ?

Du bist gemeinsam mit anderen Künstlerkollegen gerade in ein neues Atelierhaus in München eingezogen. Auf was dürfen wir uns freuen?
Ich wollte Leerstand bespielen, habe darauf hingewiesen und gemeinsam mit Tobias Sehr tatsächlich die Zwischennutzung übertragen bekommen. Damit sind wir und die eingezogenen Künstler ein Signal. An alle. Es geht, wenn man nur will und ausdauernd überzeugend wirkt.
Das es geklappt hat, nach 4 Jahren Überzeugungsarbeit und ausdauernder Bemühung, ist ganz wichtig für den gesamten Kulturbetrieb und besonders den unmittelbar Beteiligten. Wir zeigen „Es geht doch“! Der Zuspruch von allen Seiten, wie Politik, Bevölkerung, Stadt und Kollegen, ist überwältigen und haben wir so nicht erwartet.
Auch hier wäre ich froh, wenn das Clichée des chaotischen Künstlers weichen kann. Wir überzeugen beständig nicht nur mit herausragender, künstlerischer Qualität, sondern auch in Organisation, Verwaltung und Sichtbarkeit. Damit fällt es in Zukunft vielleicht den Machern und der städtischen Verwaltung leichter Projekten wie diesem eine Chance zu geben.
Es hilft vielleicht auch denjenigen Künstlern mit Organisationstalent aus der Deckung. Man ist nicht weniger Künstler wenn man organisieren und konzepten kann und bereit ist, eine 3 Jahres Prognose oder Ausgaben – Einnahmenrechnung in Exel Tabellen zu gießen. Wir haben demonstriert das es geht und ich zumindest mache kein Betriebsgeheimnis daraus wie man notwendige Anforderungen seitens offizieller Strukturen bedient.

Stell dir mal vor wie es wäre, wenn plötzlich 20 jährige ihr Wirken selbst in die Hand nehmen und dabei auch ihre Wirkungsstätte selbst verwalten. Leerstand ist überall vorhanden und im Raum München auch das Geld. Du musst nur wollen. Werde Einhorn!
Mir persönlich ist es ein Anliegen dies im laufenden Betrieb zu zeigen. Daher wird es mein Anteil sein ähnliche, selbstverwaltete Projekte und deren kulturellen Output zu zeigen. Ich denke konkret an Freunde in Berlin, Hamburg, Magdeburg und Wien. Dazu wird es sicherlich „normale“ Ausstellungen geben und viele Aktionen. Organisatorische Hilfe dabei jederzeit erwünscht – meldet euch bitte auf unseren Social Media Kanälen, Instagram und Facebook.

Außerdem bist du noch hauptverantwortlich bei der Munich Pop Art im November beteiligt. Hast du auch hierfür einen kleinen Teaser für uns?
Das wird sicher wieder Super. Neben der bekannten Crew: Laura Piantoni, Initiatorin der Munich Pop Art, Josephine Kaiser, Matt Wiegele und Edlinger did it, haben wir top Gäste dabei: Coco Wasabi, mit faszinierenden Collagen und viel Aussage in ihrer Arbeit. Mit dabei auch Stencil Artist Paul Larricart, ebenso Super, den ich auf Ausstellungen in London kennen gelernt habe. Gespannt bin ich auch auf die Arbeiten von Johannes Brechter, den ich zwar schon länger vom sehen kenne, aber sein Werk gar nicht so auf dem Schirm hatte.
Ich selbst zeige Sandwich Eis Arbeiten mit Resin und Siebdrucke. Exklusive Fotos hier gleich von der „Maurer Waage“. So geil, ab sofort in meinem im Online Shop erhältlich.
Wir freuen uns wenn ihr kommt, ich und die meisten Künstler sind auch anwesend.

Und bereits am 10. November zeigt uns Eliot seine Arbeiten beim dritten ROOMSERVICE im Hotel Luis in Regensburg. Kommt vorbei, wenn ihr ihn persönlich kennenlernen möchtet!
Yeah!

 


ELIOT the super

www.supereliot.de
Online Shop: www.eliot-the-super.de

 

Atelierhausprojekt in München: Fraunberg Ateliers
Nächste Ausstellung 21.-24.11.2019:  www.munichpopart.de

 

ELIOT the super ist Teil der 3. ROOMSERVICE Ausstellung am 10.11.2019 in Regensburg.

 


Das Interview führte Katharina Rohmeder.

Studiofotos: @ Katharina Rohmeder