ART, Artists we love

ARTIST WE LOVE: Svenja Maaß

 


Auf meinem Schreibtisch liegt ein Post It mit der Aufschrift „Muße, sofort!“

 


 

Svenja Maaß kenne ich noch aus meiner Zeit in Hamburg. Sie arbeitet mittlerweile in dem alten Kraftwerk Bille, wo sie sich mit zwei weiteren Künstlern ein 320 qm großes Atelier teilt. Zuletzt habe ich ihre Arbeiten in München gesehen, vertreten durch die Hamburger Galerie Gudberg Nerger, die in der Hamburger Poolstraße ihre Räumlichkeiten hat – gleich neben meinem alten Zuhause. Auf Grund all dieser Verbindungen und Orte, freue ich mich, dass Svenja Lust auf ein THEWHYNOT Interview hatte und ich ihr Fragen zu ihren Arbeiten, ihrem Arbeitsalltag in einem Kraftwerk und zu der Entscheidung Künstlerin zu werden, stellen konnte.

 

 

In deine Arbeiten kann man sehr schnell eintauchen und sich dann lange darin verlieren. Ich denke, das liegt daran, dass man zu den Hauptakteuren in deinen Malereien, den Tieren, schnell Vertrauen aufbauen kann. Das Auge schließt sich mit dem Gehirn kurz: „Alles klar, ein Affe. Verstanden.“
Martin Eder hat von den Katzen als wiederkehrendem Motiv seiner Bilder behauptet, es handele sich um eine „vertrauensbildende Maßnahme“, das trifft’s ganz gut. Klappt offensichtlich auch mit Affen!

Aber dann entsteht beim Betrachten Deiner Arbeiten eine surreale befremdliche Atmosphäre, die den Blick so schnell nicht mehr von dem Bild löst.  Man fängt an zu suchen. Nach verschlüsselten Botschaften, nach Weisheiten, nach dem tieferen Sinn der Szenarien.  Nach dem, was du mitteilen möchtest.Was ist es, was du dem Betrachter mit auf den Weg geben möchtest?
Vielleicht so etwas wie „Viel Vergnügen auf der Nebenstrecke!“?
Wenn es mir gelingt, jemanden abzuholen und mit auf eine mehr oder weniger lange Reise ins Blaue zu nehmen, ist ja schon mal was geschafft. Umso schöner, wenn ich dazu verleiten kann, sich genüsslich auf Pfaden jenseits der gewohnten Wahrnehmungswege und Denkstraßen zu verirren!
Die Grundüberlegung ist eigentlich: Ich sehe, wie es ist. Aber wie könnte es noch sein? Dann fange ich an, die Dinge zu zerspielen, in Einzelteile zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Mich interessiert der schmale Grat zwischen möglich und unmöglich, komisch und tragisch, püschelig und abgründig…
Viele meiner Arbeiten haben ja etwas sehr Erzählerisches, ohne dass je eine Geschichte zu Ende erzählt wird. Diese Mischlage, in der man hängen bleibt, Selbstverständliches in Frage stellt und plötzlich doch gar nicht mehr per Du ist mit dem Affen, ist mir wichtig.

Vor allem haarige Tiere entdeckt man in deinen Malereien. Das benötigt ein gutes Handwerk. Wann hast du entdeckt, dass du Talent zu derartiger, präziser Malerei hast?
Das ist ja leider nichts, was man plötzlich entdeckt, sondern vielmehr etwas, was man über Jahre hinweg entwickelt und verfeinert.
Tiere nutze ich schon seit vielen Jahren als Bildprotagonisten, fellige lieber als geschuppte oder geflügelte. Da kommt es mir entgegen, dass es mit einem (haarigen!) Pinsel viel einfacher ist, Fell zu malen als beispielsweise Haut oder Schuppen.

Wann hast du entschieden Künstlerin zu sein? Und ist dir diese Entscheidung leicht gefallen?
Ich habe irgendwann mal entschieden, Kunst zu studieren, weil ich den Eindruck hatte, dass mir dieses Studium den größtmöglichen Spielraum für die Dinge lässt, die ich gern mache. Tja, und dann bin ich da so reingerutscht…

Was rätst du jungen Menschen, die ebenfalls Künstler werden möchten?
Nicht machen!! Auf gar keinen Fall!!
Mal im Ernst: Wenn man einen Blick auf die Zahlen der Künstlersozialkasse wirft und sich vergegenwärtigt, in welch‘ prekärer Einkommenssituation ein Großteil der Bildenden Künstler und vorzugsweise Künstlerinnen sich bewegt und man sich obendrein vor Augen führt, welcher Rattenschwanz an zumeist unliebsamer Arbeit jenseits des Werkelns im Atelier dazukommt, wenn man die Kunst zum Beruf macht, dürfte man eigentlich schnell zu dem Schluss kommen, lieber die Finger davon zu lassen.
Wenn man trotzdem meint, dass es ein großartiger Beruf ist und es keine Alternativen gibt, kann eigentlich nichts schiefgehen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag als Künstlerin aus?
Natürlich gibt es, ich habe das schon angedeutet, viele Tage, an denen es noch kurz etwas am Rechner zu erledigen, Material zu besorgen, Bilder zu transportieren gibt…
Im Idealfall fahre ich, sobald die Kinder betreut sind,  ins Atelier, stelle mir einen Wecker, damit ich das Gefühl habe, open end arbeiten zu können und dann koche ich Kaffee. 😉
Auf meinem Schreibtisch liegt ein Post It mit der Aufschrift „Muße, sofort!“
Ich nehme mir seit einigen Jahren vor, die „wichtigen Dinge“ zuerst zu erledigen, das klappt bedingt. Am besten gefällt es mir, wenn Arbeiten kaum von Spielen zu unterscheiden ist, wenn probiert, gematscht und viel verworfen wird.
Am frühen Nachmittag klingelt dann der Wecker und macht Schluss mit open end…

Dein Atelier befindet sich seit mittlerweile 10 Jahren im Kraftwerk Bille. Erzähl uns ein bisschen über diesen faszinierenden Ort. Nimm uns mit in dein Atelier. Wie sieht es dort aus, wie arbeitet es sich in einem alten Elektrizitätswerk und was schätzt du an diesem Ort?
Das ist ein unglaublich guter Ort zum Arbeiten! Und auch, wenn ich mal nicht arbeite, genieße ich jedes Mal, dort zu sein.
Als ich 2009 als Unter-Untermieterin einzog war ich nicht sicher, ob ich ein komplettes Jahr würde bleiben können,  naja, ich bin glücklicherweise immer noch dort…
Das Kraftwerk Bille wurde um 1900 als Kohlekraftwerk gebaut, primär wurde hier die Elektrizität für Hamburgs Straßenbeleuchtung erzeugt. Heute ist es das letzte erhaltene Kraftwerk in Hamburg und steht seit einiger Zeit unter Denkmalschutz. Die schrabbelige, backsteinerne Industriearchitektur hat natürlich einen ganz besonderen Charme. Auf dem Weg in mein Atelier quere ich die leerstehende Trafohalle, ein adäquates Foyer! Im 2. Stock befindet sich die gut 320 qm große Fläche, die wir uns aktuell zu dritt teilen. Hier umgeben mich herrlich hohe Decken, vor lauter Patina bröselnde Wände, ein riesiger Schreibtisch, der erstaunlicherweise immer genau so voll ist wie ein ganz kleiner und ausreichend Platz auch für große Formate. Das ist sicherlich ein anderes Arbeiten als in einem Bürogebäude mit Nadelfilz und Raufaser.
Allem unsanierten Kraftwerks-Charme zum Trotz: Wir leben und arbeiten hier auch stets mit der Ungewissheit, wie lange wir diese Räumlichkeiten noch nutzen können.
Das Gebäudeensemble wird von den Eigentümern, denen übrigens auch die Spinnerei in Leipzig gehört, zu einem „Kunst- und Kulturzentrum in Hamburgs Osten“ entwickelt. In den letzten Monaten ist der Standort schon spürbar mit Aktionen „belebt“ worden, nun wird es wohl auch nicht mehr lange dauern, bis die Sanierungsarbeiten beginnen. Fraglich, ob sich danach noch jemand von der aktuellen Belegschaft die neuen Mieten am Standort wird leisten können…

Arbeiten hier noch weitere Künstlerinnen und Künstler? Und gibt es gemeinsame Künstlerprojekte im Kraftwerk? Atelierrundgänge, Ausstellungen?Das gesamte Kraftwerk hat über 12.000 qm Innenflächen, ein großer Teil davon steht leer oder wird nur temporär, häufig für Dreharbeiten und Shootings, genutzt. Aktuell arbeiten etwa 20 Künstler am Standort, einige davon schon seit Jahrzehnten. Bei den jährlich stattfindenden, durch den Berufsverband organisierten offenen Ateliers nehmen immer einige der hier ansässigen Künstler teil, gemeinsame Ausstellungen hat es auch bereits gegeben. Es gibt aber keine festen Strukturen wie in einem Künstlerhaus, insgesamt ist es eher ein heterogenes Grüppchen.

Kann man dich dort in dem Atelier besuchen?
Ja, natürlich! Aber bitte vorher anmelden, damit ich Cowboykaffee und Franzbrötchen bereithalten kann.

An welchem Projekt oder Ausstellung arbeitest du gerade? Wo kann man deine Arbeiten als nächstes sehen, wenn man nicht zu dir ins Kraftwerk kommt?
Bis Ende August hängen noch Malereien von mir in der Galerie im Elysée in Hamburg. Am 5. September eröffnet die Gruppenausstellung ANIMALISM in der Galerie GUDBERG NERGER in Hamburg, an der ich mit einigen Übermalungen und Collagen beteiligt bin. Und Mitte September werden meine Arbeiten auf der POSITIONS Art Fair in Berlin zu sehen sein.

Vielen Dank für das Interview.
Sehr gerne!

 

Die Malerin Svenja Maas in der ehemaligen Trafohalle des Kraftwerks Bille. Foto: Miguel Ferraz

 


Svenja Maaß

www.svenjamaass.de

Atelier:
Historisches Kraftwerk Bille
Hamburg

 


Fotos: @Svenja Maaß