ART, Artists we love

Artist we love: Nico Sawatzki

 


„Im Atelier angekommen, schlendere ich meist erst mal eine Runde durch die Räume und schlüpfe in meine Arbeitsklamotten, dann Kaffee und Zigaretten und die Arbeit vom Vortag begutachten, in Verbindung mit Selbstgesprächen und wildem Gestikulieren.“


 

Der Regensburger Künstler Nico Sawatzki hat sich 2012 entschieden nur noch Kunst zu machen. Seine Ursprünge liegen in der Street Art als Grafittikünstler, die sich seit einigen Jahren mit der Malerei vereinen. Nico schaffte es Institutionen und Sammler auf sich aufmerksam zu machen und platzierte seine Arbeiten erfolgreich auch über Regensburg hinaus.

Doch dann passierte etwas, was seinem Schaffen eine neue Richtung gab. Seine Arbeiten wurden ruhiger, fast schon sinnlicher, freier und gelöster.
Das hat scheinbar ganz viel mit dem Aufeinanderprallen von Glück und Trauer, Existenzangst und Vertrauen zu tun. Darüber erzählt uns Nico in diesem Interview und erklärt uns, wie er über eine Art Destillation zu der Essenz seiner heutigen Arbeiten gekommen ist.

 

 

Ausstellungsansicht Kunst- und Gewerbeverein Regensburg

 

Du hast als Graffitikünstler begonnen. Woher kam dann irgendwann dein Interesse an der klassischen Malerei?
Es war eher andersrum. Ich habe mich schon recht früh für klassische Malerei interessiert. So ab einem Alter von 10 Jahren habe ich mich sehr für Impressioniste, aber auch für Dali und Schiele begeistern können. Graffiti kam wenig später dazu und war eigentlich nur eine weitere Ausdrucksform, die mich dann allerdings völlig vereinnahmt hat und bis heute nicht mehr loslässt. Der Schritt aus dem Graffiti war daher gar nicht so unerwartet, da es mich schon immer gereizt hat zu experimentieren und Verbindungen zur Malerei herzustellen. Es steckt auch heute noch genügend Graffiti in meinen Arbeiten, wenn auch nicht im klassischen Sinn. Ich arbeite aber z. B. nach wie vor hauptsächlich mit der Dose.

 

Wie sind deine Arbeiten aufgebaut. Wie viel kommt noch aus der Sprühdose, wie viel wird mit dem Pinsel gearbeitet?
Ich habe vor Jahren eine recht eigenwillige Maltechnik für mich entwickelt. Meine Bilder sind aus Lackschichten aufgebaut, die ich kratze, mit Lack übermale, mit Lack an- und wieder mit Lack von der Leinwand ablöse. Abgesehen von einer Acryl-Untermalung verwende ich nur in den finalen Schritten Lasuren um Licht und Schatten hervorzuheben oder zu dämpfen.

 

Deine Arbeiten fallen vor allem durch ihre Dynamik auf. Sie sind geprägt von Perspektiven, Raumtiefen und architektonische Strukturen, die mich an die imposanten Eingangshallen von Wolkenkratzern erinnern oder an das Lichtermeer eines nächtlichen Großstadtdschungels. Es ist viel los in den Werken. Deine aktuellen Arbeiten werden gerade viel plakativer, reduzierter, ruhiger. Wie kommt das? Was treibt dich gerade an?
Das ist gar nicht so einfach zusammenzufassen, was da alles mitgespielt hat. Vergangenes Jahr habe ich z. B. meinen Vater unerwartet verloren und zum zweiten Mal Familienzuwachs bekommen. Das Glück gepaart mit Trauer, einer ständigen unterschwelligen Existenzangst und viele andere Komponenten hat sich einfach irgendwann bemerkbar gemacht und nach einer Veränderung geschrien – die aber eben nicht auf Abruf bereitstand. Im Atelier hatte ich dann viel Zeit zum Nachdenken und es ist so eine Art Destillation in Gang gekommen. Ich habe angefangen zu trennen und aufzuspalten – wie Gebäudestrukturen vom Hintergrund zu lösen oder Strukturen aus Arbeiten, wie ich sie bisher gemalt habe, zu falten und in leere Räume zu stellen. So sind zwei neue Werkserien entstanden – in der einen widme ich mich den Raumkonstruktionen, die bisher an Architektur erinnert haben. In der anderen behandle ich den Raum als Solches und es entsteht dabei eine Art Landschaftsmalerei, nur eben nicht im klassischen Sinn. Das Ergebnis sieht man in den aktuellen Arbeiten.

 

Hattest du auf deinem Weg Menschen, die dich unterstützt haben, dich motiviert und gestärkt haben, den Weg als Künstler zu gehen, der ja nicht unbedingt ein leichter ist?
Meine Eltern haben mich erstaunlicher Weise sehr in Sachen Graffiti unterstützt. Sie fanden es gut, dass ich mich kreativ betätige. Als klar war, dass ich von meiner Kunst leben möchte haben sie mich immer darin bestärkt, auch wenn sie aus eigener Erfahrung wussten, was das alles mit sich bringen kann. Auch meine Frau hält mir sehr den Rücken frei, wenn es mal nötig ist, was mit zwei Kindern nicht immer einfach ist. Sie muss viel aushalten an Launen und Phasen und ist gleichzeitig mein Motivationstrainer und Psychotherapeut. Ich bin sehr froh, dass sie den Weg mit mir geht und mir voll vertraut.

 

Hast du irgendwann mal daran gedacht alles hinzuschmeißen und etwas ganz anderes zu machen?
Nein, 2012 habe ich genau das getan – meinen Job geschmissen und mich für die Kunst entschieden. Es ist zwar manchmal nicht einfach, aber genau das reizt mich auch daran.

 

Wie sieht dein Arbeitstag aus?
Die Rahmenbedingungen sind relativ strukturiert, aufgrund meiner Familie. Im Atelier angekommen, schlendere ich meist erst mal eine Runde durch die Räume und schlüpfe in meine Arbeitsklamotten, dann Kaffee und Zigaretten und die Arbeit vom Vortag begutachten, in Verbindung mit Selbstgesprächen und wildem Gestikulieren. Meist arbeite ich dann parallel an mehreren Arbeiten um z. B. Trocknungszeiten effektiv zu nutzen. Ich sage mal so, es ist ganz gut, dass ich alleine arbeiten kann und niemand so wirklich mitbekommt, wie mein Arbeitstag aussieht. Wichtig ist nur, am Ende eines Tages müssen Ergebnisse zu sehen sein sonst kann ich nicht ruhig schlafen.

 


Nico Sawatzki

www. www.nicosawatzki.de

Instagram: @nicosawatzki

Noch bis zum 28 . Juli 2019 sind Arbeiten von Nico Sawatzki im Kunst- und Gewerbeverein in Regensburg zu sehen. www.kunst-in-ostbayern.de

Anfang September eröffnet eine Soloshow mit Arbeiten von Nico in der Galerie Freitag 18.30 in Aachen.


Fotos: @Nico Sawatzki