ART, Artists we love

Artist we love: Lea Gudrich


 

„Ich möchte wachsen. Ein Leben lang.“


 

Ich freue mich so sehr euch heute die Kölner Künstlerin Lea Gudrich vorstellen zu dürfen. Ihre Bilder sagen so viel, wenn man genau hinschaut und sich einlässt, auf das, was in ihnen steckt.

Lea liebt es in der Natur kleine Wunder wahrzunehmen, wie im Wald tanzende Spinnenfäden oder die kleinen Lamellen von Pilzen. Es ist etwas, was sie mit Glück und Ehrfurcht erfüllt.

Um diese Wunder nicht zu übersehen, ist sie achtsam, und tritt ihnen bewußt und voller Hingabe gegenüber. Daraus entstehen wiederrum Sinnfragen, die ihr kreatives Schaffen ausmachen.

Was das für Sinnfragen sind, wie ein achtsamer Tag bei der Künstlerin aussieht und warum sie ganz fest daran glaubt, dass jeder das Schöne sehen kann, wenn er nur will, erzählt sie uns heute im Interview.

 

 

 

Was kann der Betrachter aus deinen Arbeiten mitnehmen?
In allererster Linie hoffe ich den Betrachter zu berühren. Auf eine Art die ihn oder sie um einen Perspektive bereichert. Fast alle meine Arbeiten entstehen vor dem Hintergrund von Sinnfragen, die ich mir selbst stelle. Sei es der Umgang mit der Natur, der Wille zur Ergründung der eigenen Schwächen oder auch der Suche nach dem eigenen Wesenskern. Aber eigentlich immer möchte ich etwas beleuchten. Ich möchte keine Missionarin sein, aber ich möchte mich selbst und andere interessiert und kritisch betrachten, selbst zu einer Erkenntnis kommen und dann eine visuelle Essenz finden mit der ich die Möglichkeit für andere biete mir zu folgen, oder auch zu widersprechen, wodurch ich dann selbst wieder lernen und meine Erkenntnisse überprüfen kann. Ich möchte wachsen, ein Leben lang. Weil ich daran glaube, dass mit Wachstum auch eine Art Ganzheitlichkeit erfahren werden kann. Ein Verstehen dass es hilft Schweres zu ertragen und sich nicht abzuwenden und auch Schönheit wirklich zu sehen und zu erfahren. Und ich glaube daran, dass das jeder kann. Man muss es nur wollen. Die Form, die ich finde ist auf den ersten Blick sehr eingängig und harmonisch. Auf den zweiten ergibt sich dann oft eine ganz andere Oberfläche. Eine zweite Ebene. Um diese zweite Ebene zu ergründen, muss der Betrachter Zeit in die Arbeit investieren und Interesse und so kommt es ganz automatisch zu eben diesem interessierten Verstehen, von dem ich selbst ausgehe. Wenn das funktioniert ist dieser Moment wunderschön und auch die Gespräche, die ich dann immer wieder führe. Man wird zu einer Art Verbündeter. Um es in einen Satz zu bringen, könnte ich sagen: ich benutze etwas Schönes, um etwas Hässliches zu erzählen. Genauso andersherum.

 

Wer oder was inspiriert dich?
Die Natur. Die Natur der Tier- und Pflanzenwelt und die Natur des Menschen.
 Wenn ich in der Natur bin und kleine Wunder wahrnehme, Spinnenfäden die durch den Wald tanzen oder die perfekten Lamellen von Pilzen oder einen Vogel oder auch die Geburt von einem Kalb zum Beispiel, dann bin ich erfüllt von Staunen und Ehrfurcht und Glück, dass ich in Kombination mit den Gefühlen des Unterstehens über so viel Achtlosigkeit und Ignoranz in unserer Welt ein unbeschreiblich intensives Erleben habe, das sicher die stärkste Kraft ist, die mich künstlerisch antreibt. Und damit wären wir automatisch beim Thema Liebe und der Natur des Menschen. Alles was beides in sich hat, das Gute und das Böse, das Schöpfende und das Zerstörerische, das Hinsehen und das Ignorieren, das berührt mich. Und die Bilder zu diesen Gefühlen, die sind dann plötzlich einfach da und müssen nur noch gemalt werden. Ich glauben ich habe so viele Bilder im Kopf, dass ich sie in einem Leben gar nicht alle malen kann. Aber das ist in Ordnung.

 

Was bedeutet das künstlerische Schaffen für dich?
Es bedeutet meinen Ausdruck in dieser Welt und damit alles. Oder vielleicht besser gesagt es bildet den Boden für alles andere. Wenn ich male finde ich die richtige Form. Ich habe oft das Gefühl mit Worten nicht wirklich alles erfassen zu können. Wenn ich ein Bild male, kann ich es.

 

Was war deine intensivste Kunsterfahrung? Wo oder wann warst du mal richtig überwältigt?
Das kann ich sofort ohne viel nachdenken beantworten.
 Meine überwältigendste Kunsterfahrung war in London im Tate Modern und war eine Installation von Olafur Eliasson mit dem Namen „The Weather Project“. Das war fantastisch und hat mich wirklich durchdrungen. Ich glaube dass mich die Kunstprojekte am nachhaltigsten berühren, die mit dem Gefühl zu erfahren sind, und weniger mit dem Verstand.

 

Mich interessiert es sehr, wie Künstler in eine scheinbar unerschöpfliche, kreative Schaffensphase kommen. Müssen irgendwelche äußeren Bedingungen für dich passen, damit du in einen Arbeitsfluss kommst?
Dafür müssen tatsächlich erst einmal ein paar äußere Gegebenheiten geschaffen sein. Zum Beispiel muss ich gut schlafen, muss mich morgens in Ruhe zum Beispiel in ein Café setzen können (das sind immer die gleichen, die ich kenne und liebe) und ganz frisch alle Gedanken aufschreiben, die mich am Morgen umtreiben. Danach bin ich frei. Dann muss ich gut essen, mein Atelier muss aufgeräumt sein und ich muss alle Referenzen für ein Projekt oder eine Serie beieinander haben. Damit meine ich zum Beispiel Fotos, die ich auf unterschiedliche Art zusammentrage. Natürlich mit einem eigenen Fundus, dem Internet oder auch sehr gerne alten Büchern. Dann brauche ich Pausen um das Bild auch während eines Tages immer wieder mit frischem Blick ansehen zu können. Also bewege ich mich von meinem Arbeitsplatz weg, erledige ein paar Dinge oder koche etwas. Und das eigentlich Wichtigste: ich gehe jeden Tag eine bis drei Stunden spazieren. Dabei denke ich nach und arbeite weiter. Ich male so zu sagen im Kopf. Das „auf die Leinwand bringen“ geht dann meistens sehr schnell, weil schon alles ganz klar ist, Technik, Komposition, Thema. Und wenn ich so lebe, dann kann ich nahezu unbegrenzt schöpfen. Das was mich am meisten anstrengt ist das Reisen. Ich muss sehr viel reisen. Dieses geregelte Sein zu verlassen ist es, was mich regelmäßig an die Grenzen meiner Energien bringt.

 

Wie stehst du zu dem Thema Achtsamkeit?
Gibt es für dich einen Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Kreativität?
Für mich IST kreatives Erschaffen Achtsamkeit. Ohne Bewusstsein und Hingabe kann ich nichts echtes erschaffen. Ich muss mich kennen und beobachten, muss meine Bedürfnisse wahrnehmen und ihnen nachgehen. Muss die Fragen kennen, die mein Wesen formuliert. Nicht zuletzt dafür ist es auch gut jeden Morgen zu schreiben. Ich beachte mich. Ganz gleich, ob ich mir dabei gefalle oder eher nicht, ich finde jedenfalls alles in Ordnung und richtig, denn es ist immer ein äußerer Umstand der mich negativ beeinflusst. Das ergründe ich ganz bewusst und ändere dann aktiv etwas. Und nur die Achtsamkeit erlaubt es eben diese vielen Eindrücke zu haben die mich berühren und mich anstoßen. Wenn ich nicht wach wäre und aufmerksam und offen, würde ich eben die meisten Wunder übersehen.

 

 

 

Foto: © Fabian Stürtz

 


 

Lea Gudrich

 

www.leagudrich.com

Instagram: @lea_gudrich_

 


Fotos: © Lea Gudrich / © Fabian Stürtz