ART, Artists we love

Artist we love: Cathrin Hoffmann


 

„Ich konnte gar nicht aufhören. Ich saß fast täglich über 12 Stunden da und habe einfach alles raus gelassen.“


 

Bei der in Hamburg lebende Künstlerin Cathrin Hoffmann ist 2015 ein Knoten geplatzt, der alles was in ihr über Jahre geschlummert hat, frei gelassen hat. Sie geht seit dem den Weg der Künstlerin und schafft mittlerweile beeindruckende Malereien, vor denen man verweilen muss, weil sie eine Absurdiät aufweisen, die man durchdringen möchte.

Über den Instagramkanal eines Hamburger Freundes von mir, habe ich zum ersten Mal ein Werk von Cathrin gesehen und dann bei der diesjährigen Millerntor Gallery auf Sankt Pauli wieder entdeckt. Jetzt war es Zeit für ein Interview, um mehr von den mich fesselnden Bildwelten und der Person dahinter zu erfahren. Lest selbst:

 

 

Wie bist du zur Kunst gekommen?
Ich habe ständig und bereits sehr früh gezeichnet und gemalt. Als Kind habe ich mir eigene Charaktere und Wesen ausgedacht und deren Geschichten gezeichnet. Gräbt man alte Freundschaftsbücher aus der Grundschulzeit aus, kann man anhand meiner Antworten auf die Frage „Was willste einmal werden?“ ganz gut erkennen, dass Kunst immer eine Rolle spielte. Die Antworten pendelten dann zwischen Comic Zeichnerin zu freischaffende Künstlerin oder Malerin, aber änderten sich auch immer mal zu Olympiasportlerin oder Ärztin oder vielleicht auch noch etwas anderes. Jedenfalls war Kunst immer in meinem Kopf, wurde aber hier und da auf vermeintlich sinnvolle Berufe umgelenkt. Und genau so war es dann ja auch. Anstelle eines Kunststudiums habe ich einen sicheren Weg gewählt und habe Kommunikationsdesign studiert, um weiterhin kreativ sein zu können, aber um eben auch die Miete zahlen zu können. Frei gemalt oder gezeichnet habe ich dann sehr lange nicht mehr. Nach einigen Jahren im Job schließlich habe ich langsam bemerkt, dass etwas fehlt.

Was war der entscheidende Auslöser auch wirklich als Künstlerin zu arbeiten?
Es kam eher schleichend. Im April 2015 habe ich zusammen mit drei Freunden von Arthelps einen Kunst-Workshop für Kinder in dem Township Khayelitsha in Südafrika gestaltet. Auch wenn ich nur indirekt künstlerisch tätig war, hat diese Reise zumindest die angestaubte Tür in mir geöffnet. 2016 dann bin ich mit meinem Freund nach Lateinamerika geflogen, um dort auf unbegrenzte Zeit zu reisen. Ein Traum, den ich mir endlich erfüllen wollte. Nach mehreren Monaten war ich voll gesogen von unglaublicher Natur und Erlebnissen, aber trotzdem hat eine Art Monotonie eingesetzt und so konnte es nicht weitergehen. Wir brauchten eine Reisepause und haben uns ein Zimmer in Leon/Nicaragua gemietet, wo wir erstmal einen Monat verbleiben wollten. Zum ersten Mal hatte ich wieder einen Tisch und einen Stuhl zur Verfügung und prompt habe ich mich eingerichtet. Ich hatte ein mini Grafiktablett und einen Laptop dabei, um zwischendrin auch als Art Direktorin arbeiten zu können und so fing ich an, digital zu zeichnen. Ich konnte gar nicht aufhören. Ich saß fast täglich über 12 Stunden da und habe einfach alles raus gelassen. Hauptsächlich habe ich aus dem Fotomaterial unserer Reise, gepaart mit Illustrationen, digitale Collagen erstellt. Und das einen Monat lang, jeden Tag, einfach so. Das war wohl der Knoten, der geplatzt ist. Wir sind danach noch fast 5 weitere Monate unterwegs gewesen, in denen ich keinen Ort mehr zum weiter zeichnen hatte. Schlussendlich war die Reise dann beendet, weil ich zurückkehren wollte. Zu Hause konnte ich wieder da anknüpfen, wo ich nach Leon aufhören musste und habe es weitergeführt.

Was ist, auf künstlerischer Ebene, dein größter Struggle?
Das analoge Handwerk. Am Anfang fiel es mir unglaublich schwer, einen Pinsel in die Hand zu nehmen. Ich wusste gar nicht wie, weil ich es einfach nicht gelernt hatte. Ich wollte alles sofort auf Leinwänden verewigen, aber konnte es schlichtweg nicht umsetzen. Das war sehr deprimierend. Ich habe inzwischen viel autodidaktisch gelernt, bin aber noch lange nicht da angekommen, wo ich gerne wäre.

Warum weinen häufig deine Figuren in deinen Bildwelten so dicke, blaue Tränen?
Eigentlich habe ich keine Antwort darauf. Ich wurde das natürlich schon häufiger gefragt. Das aller erste Mal war auf einer Ausstellung, wo gleich drei meiner Arbeiten mit weinenden Porträts hingen. Ich war total baff und verwundert, was natürlich quatsch ist, weil die Tränen das plakativste waren, das auf den Werken zu sehen war. Der Fragesteller hat sich schließlich selber eine Antwort gegeben, was ich wohl bemerkt auch für sinnvoll halte, da es sowieso keine Königserläuterung von mir gegeben hätte. Meine Bilder entstehen immer sehr intuitiv. Ich denke, dass ich allgemein gerne die Vorstellung von Schönem oder einem Ideal herausfordere und dazu gehört auch die Traurigkeit.

Was passiert sonst noch in deinen Bildwelten?
Ich porträtiere digital erschaffene Kreaturen einzeln oder interagierend und reproduziere sie, indem ich sie auf Leinwand analogisiere. Diese Geschöpfe entstehen in den Bildbearbeitungsprogrammen, die ich im Zuge meines Designstudiums lernte und deren Effekte ich nun zweckentfremde. Dabei verfolge ich eigentlich selten ein intellektuelles Ziel oder eine konkrete Aussage, sondern eher Emotionen resultierend aus menschlicher Existenz. Ich hatte immer schon eine Affinität zu Absurditäten oder zu grotesken Darstellungen, welche für mich einfach klarer ein Gefühl erwecken oder transportieren können. Das Spannungsfeld zwischen Schönheit und Abscheu oder Humor und Melancholie bietet eine unglaubliche Dynamik, die mich besonders fesselt. Hinzu kommt, dass ich mich durch meine Arbeit als Art Direktorin ständig in optimierten Welten bewegen muss. Meine Kunst ist wie ein kreativer Aufarbeitungsprozess, der sicherlich auch eine Kontroverse dazu darstellt.

Bei dir entdeckt man zurzeit mehrheitlich Malereien. Was fasziniert dich an der Technik?
Mir gefällt die Herausforderung, Digitales zu analogisieren. Oft entwickle ich eine neue Arbeit in wenigen Tagen oder sogar Stunden am Laptop. Die erscheint mir dann zunächst oft als flüchtig und wertlos aber, sobald ich mich entschieden habe, dieses Werk zu nehmen und zu malen, entsteht ein völlig neues Verhältnis. Oft dauert die Reproduktion mehrere Wochen oder Monate. Das mag natürlich auch an meinen Fähigkeiten liegen, aber trotzdem gewinnt die Arbeit an so viel mehr Kraft, wenn die digitale polierte Hülle bei näherem Hinsehen plötzlich eine haptische Patina aufweist oder Pinselhaare in den Farben kleben. Das reizt mich gerade sehr. Bald möchte ich mich aber auch in Bildhauerei ausprobieren.

Was bedeutet für dich Kreativität?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich denke, kreativ zu sein ohne ein Ziel oder einen bestimmten Zweck erfüllen zu müssen, ist die Fähigkeit das rationale Denken und Handeln auszuschalten und einfach frei zu sein.

Wo geht die Reise hin? Gibt es zurzeit künstlerische Projekte, an denen du arbeitest?
Ich male eigentlich so gut wie täglich. Ich wache morgens auf und gehe direkt zur Leinwand und male bis spät abends. Wenn ich nicht mit dem Pinsel male, male ich digital mit meinem Tablet. So kann es eigentlich für immer weitergehen. Mein Ziel ist aber natürlich, irgendwann jemanden zu finden, der meine Arbeit aktiv unterstützt und sie im besten Fall sogar auf internationaler Ebene präsentiert.

 

 


 

Cathrin Hoffmann

 

www.cathrinhoffmann.com

Instagram: @cathrin.hoffmann

 


Fotos: @Cathrin Hoffmann